Aus erster Hand

Nie waren Keramikentwürfe facettenreicher, nie waren sie als Sammlerstücke so begehrt: Diese sechs Künstlerinnen verwandeln das fragile Material in wahre Kunstwerke – glasiert oder porös, architektonisch-kantig oder pflanzengleich-organisch.

 

Nicolette Johnson

 

 

Wie aus einer anderen Zeit – die Entwürfe von Nicolette Johnson sind zugleich traditionell und experimentell, modern und archaisch. Wie Dornröschenranken winden sich Henkel um amphorenartige Gefäße. Meisterhaft modellierte Formen zeigen die unglaubliche Vielfalt des Materials. Nachdem die Fotografin jahrelang selber Secondhandläden nach seltenen Vintage-Keramiken durchsucht hatte, beschloss sie vor sechs Jahren, ihre Leidenschaft zum (Haupt-)Beruf zu machen. Inspirationsquellen für die gebürtige Londonerin, die heute in Brisbane lebt, sind antike römische Glasarbeiten, chinesische Gefäße und Schmuck aus früheren Jahrzehnten. »Ich liebe es, wie neue Techniken und unterschiedliche Verarbeitungsprozesse meine Lieblingsqualitäten des Tons zeigen – seine Elastizität, sein Gedächtnis und seine wundervolle Tendenz, jede Delle zu zeigen, die darauf hergestellt wurde, vorsätzlich oder nicht«, sagt Nicolette. Genau diese Experimentierfreude sieht man ihren Werken auch an.

nicolettejohnsonceramics.com

 

 

Yoon-Young Hur

 

 

Ein einziger Lieblingsort zum Arbeiten? Das genügt Yoon-Young Hur (o.) nicht. Stattdessen pen­delt die studierte Architektin zwischen ihrer Heimat New York sowie Seoul und Florenz und lässt die verschiedenen Einflüsse in ihre Keramiken und Gemälde einfließen. Im Fokus stehen Experimente mit Materialität und Proportion. So wie bei den Folds, für die sie Tonplatten zu Gebilden wickelt, die an tektonische Verschiebungen der Erdhülle erinnern. Die bauchigen Vessels wiederum sind von traditionellen koreanischen Formen inspiriert: »Früher habe ich mich auf kleine taktile Stücke konzentriert. Aber in letzter Zeit habe ich größere Keramik- und Leinwandarbeiten gefertigt, die die körperliche Erfahrung mit den Werken fördern«, sagt Yoon-Young. Ihre skulpturalen Objekte werden in zahlreichen internationalen Galerien und Einzelausstellungen präsentiert. Yoon-Youngs Wunsch für die Zukunft: ein Zuhause mit integriertem Atelier inmitten der Natur. Hier möchte die Künstlerin dann auch Workshops anbieten und Ausstellungen inszenieren.                                                                                                                                    

yoonyounghur.com, Galerie: francisgallery.com   

                                                                                                                                                                                                       

 

Grace Brown

 

 

Stadtlandschaften mit labyrinthartigen Bauten, Treppenhäuser im Zickzack, glatte Lehmziegelkuppeln und Torbögen: In ihrem kleinen, aber lichtdurchfluteten Studio in Melbourne kreiert Grace Brown (u.) Keramikobjekte, die eine einzigartige Verbindung mit Architekturelementen eingehen. »Geometrie, taktile Texturen und Architekturfragmente bilden die Grundlage meiner Inspiration«, so die Künstlerin. »Sie stammen aus meinem beruflichen Hintergrund als Modedesignerin und Schnittgestalterin. Das führt zu meinem präzisen und oft mathematischen Ansatz beim Bauen von Formen.« Tatsächlich schneidet Grace Details wie Stufen und Bullaugen wie bei Speckled Wall ­hanging in scharfen Linien ins Material ein, oft in mehreren Lagen. Weil die Kreationen schon komplex sind, wählt sie »bewusst neutrale Glasuren, um die Silhouet­ten in den Mittelpunkt zu stellen«. Zurzeit arbeitet sie an einer Soloschau, für die sie ihre von M. C. Escher ins­pirierten Skulpturen auf ein Miniaturmaß schrumpft –
möglichst so klein, dass sie in eine Hand passen.

ohheygrace.com.au

 

 

Sarah Pschorn

 

 

 

Sarah Pschorn überrascht mit unkonventionellen Trophäen – und huldigt dabei der Geschichte von Keramik. Was auf den ersten Blick verspielt-opulent wirkt, ist eine Verknüpfung von Elementen aus Barock, Jugendstil und Moderne. »Für meine Arbeiten der letzten Jahre habe ich mich mit frühem Meißner Porzellan auseinandergesetzt«, so die Dresdener Künstlerin. »Die Gefäße dienen als Träger meiner Ideen und Gedanken. Sie sind mein Spielfeld, ähnlich wie die Leinwand für einen Maler.« Auf der Töpferscheibe gedrehte Formen oder Volumen aus dem 3-D-Drucker, Alltags­fundstücke und Abgüsse bilden ein Sammelsurium aus Einzelteilen. »Aus diesem Baukasten türmen sich collagenhaft Gefäße meist zu Vasenformen auf«, erklärt Sarah ihre Gedankengänge. Ihre vielfach ausgezeichneten, farbig gefassten Werke entstehen in ihrem Leipziger Atelier. Das allerneueste Werk ist allerdings aus Papier: ihr erster Einzelkatalog mit einer wunderbaren Übersicht ihres Schaffens (über burg-halle.de).                                    

sarahpschorn.de

 

 

 

Kalou Dubus

 

 

Kreative Menschen müssen sich oft in Geduld üben, denn die Gestaltungsprozesse erfordern viele Umwege, bis das Resultat der ursprünglichen Idee nahe kommt. Der Französin Kalou Dubus geht es da nicht anders: Sie entwirft, formt, feuert und emailliert, um dann wieder von vorn anzufangen. »Keramik erfordert viel Ausdauer und Demut«, erklärt die gelernte Textildesignerin mit einem Atelier im 10. Pari­ser Arrondissement. »Oft beginne ich mit einem misslungenen Stück, das ich beiseitegelegt habe. Ich ver­än­dere die Proportionen oder akzentuiere ein Detail – so lange, bis ich wirklich zufrieden bin.« So wie etwa mit ihren dekorativen Objekten, die aussehen wie futuristische Wohntempel. Ihren grafisch bemalten Blumentöp­fen und Vasen. Und neuerdings auch mit ihren Leuchten, die sie, mit großen Halbedelsteinen besetzt, in echte Schmuckstücke verwandelt.

www.kaloudubus.com, Galerie: benjamin-desprez.fr

 

 

 

Malene Knudsen

 

 

Dass aus einem Klumpen roher Tonmasse derart ausdrucksstarke Objekte herauswachsen können, ist, was Malene Knudsen an ihrer Arbeit so begeistert. Vasen wie Large Flower, die an Wasserpflanzen oder Samenkapseln erinnern, stellt die Dänin in traditioneller Wickeltechnik her. Durch sanften Druck entstehen erstaunlich robuste organische Formen und sanft gewellte Faltungen mit raffinierten Details in erdigen Nuancen von Sand bis Grafit. Die wasserdichten Oberflächen belässt sie dabei häufig porös und körnig, einige überzieht sie mit zerstoßenen Ziegeln. »Ich hatte schon immer den Drang, neue Handwerkstechniken zu kreieren und Materialien zu erforschen. Die Arbeit mit Ton ist meine Art, Geschichten über unsere schöne Umgebung und Natur hier in Kopenhagen zu erzählen«, erklärt die studierte Architektin. »Manchmal zeichne ich die Idee für eine Kreation, aber meistens entwickle ich sie aus Emotionen und reiner Intuition heraus.« Das Ergebnis: gefragte Keramiken, die Kunst, Design und Funktionalität verbinden.

maleneknudsen.com