IDEAT-01-2024-Einzelheft

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Urlaub im süditalienischen Kunstpalast

Wer nach Apulien fährt, hat Strände, Wein, und putzige Trulli-Rundhäuser im Sinn. In der kulturellen Hochburg Lecce entdeckte die Mailänderin Anna Maria Enslemi etwas besonderes. Und zwar einen maroden Adelspalast. Sie bestückte ihn mit ihrer Design– und Kunstsammlung und vermietet ihn an Gäste. Ein Ferienhaus der besonderen Art.

Der Palazzo Luce wurde im 14. Jahrhundert für Marie d’Enghien, Gräfin von Lecce, Prinzessin von Tarent und Königin von Neapel, errichtet. Heute dürfen Design- und Kunstliebhaber dort wohnen.

Frau Enselmi, Sie gelten als eine der bedeutendsten Sammlerinnen Italiens. Wann begann Ihre Faszination für Design?
Sehr früh, ich war fast noch ein Kind. Von dem Geld, das mir meine Großmutter sonntags für Kuchen gab, kaufte ich mir ­Inte­riormagazine und schnitt die Artikel aus, die mir gefielen. Dafür hatte ich extra eine Mappe mit dem Titel »One day I will have it« angelegt.

Können Sie sich an Ihr erstes Designerstück erinnern?
Das war das kunterbunte Carlton-Regal, das Ettore Sottsass Ende der 1970er-Jahre für die Memphis-Gruppe entworfen hatte. Ich war damals 22 und hatte gerade eine winzige Wohnung in einem schönen alten Gebäude in Mailands Via Pontaccio gekauft – genau dort, wo der große Sottsass wohnte. Ich bezahlte bereits die Hypothek, das Geld reichte nie aus, aber ich wollte das Carlton unbedingt haben. Es kostete 16 Millionen Lire und ich handelte eine 25-teilige Ratenzahlung aus. Als ich es abgezahlt hatte, war ich stolz auf mich und auf die anstrengenden Aerobic-Stunden, die ich in Fitnessstudios gab, um meine Schulden loszuwerden.

Heute führen Sie ein Pilates-Studio in Mailands hippem Brera-Viertel. Was verschlug Sie nach Apulien?
Meine Mutter stammt aus Apulien. Als Kind habe ich dort die Ferien bei meinen Großeltern verbracht. Immer wenn ich ihr Haus betrat, sah ich tausend Dinge, die mich inspirierten: riesige Räume mit majestätischen Gewölben. Als meine Großeltern starben, war ich zu jung, um das Haus zu kaufen. Inzwischen habe ich aber ein schönes Ferienhaus im Süden Lecces.

Wie entdeckten Sie Palazzo Luce?
Im Sommer vor sechs Jahren bot mir ein eher zwielichtiger Antiquitätenhändler einen Spiegel aus dem 17. Jahrhundert an, den er in einem Palast in Lecce gesehen hatte. Ich traute ihm nicht und fuhr mit ihm zum Palast, um mir das Stück anzu­sehen. Ich brauchte nur den Moment, um über die Schwelle zu treten, und wusste, dass ich den Palazzo kaufen will. Es war, als würde das Haus nach mir rufen. Ich glaube, dass oft die Häuser sich ihre Besitzer aussuchen und nicht umgekehrt.

War das Gebäude verwahrlost?
Ja, leider. Wir haben es konservativ restauriert und versucht, so viel wie möglich zu retten: die Majolikafliesen, die Terrakottaböden im Fischgrätmuster, die wunderbaren Türen und die Wandschränke, die in den Gängen versteckt sind.

Ihre Sammlung würde ein Design-Museum füllen. Stattdesseen verteilten Sie sie im Palast und öffneten für Gäste. Warum?                                                                                                                                                                                         Ein Museum ist ein Ort von tauber Stille. Ich finde aber, Kunstwerke und Design­objekte sollten dort sein, wo gelebt wird. Deshalb vermiete ich Palazzo Luce an Menschen, die diese Art von Erfahrung schätzen – Designer, Künstler, Kunst- und Designliebhaber und Sammler wie mich.

Welches sind Ihre Highlights?
Palazzo Luce ist Gio Ponti gewidmet, er weckte meine Sammelleidenschaft. Die meisten meiner Stücke sind von ihm, viele stammen aus dem Hotel Parco dei Prin­cipi in Salerno, das er gestaltet hat. Jetzt werden sie wieder von Gästen benutzt.

Fürchten Sie nicht, dass die Möbel beschädigt werden?
Das ist meine größte Sorge, denn ich fühle mich als Hüterin dieser einzigartigen Dinge. Vielleicht stelle ich mich selbst als anonymes Dienstmädchen an, um den ­Palazzo nicht unbeaufsichtigt zu lassen.

Und woher stammt die Kunst?
Als ich mit der Einrichtung des Palazzos fertig war, fiel mir auf, dass etwas fehlte: Kunst. Ich bat die Mailänder Galeristin Lia Rumma um Rat. Sie kam nach Lecce und half mir nicht nur bei der Auswahl der Werke, sondern auch bei deren Positionierung. Lia verbrachte allein vier Stunden damit, Ugo Mulas’ zehn Prints von Marcel Duchamp zu hängen. Einige Arbeiten entstanden speziell für Palazzo Luce. David Tremlett, Antonio Marras, Joseph Kossuth, Audrey Large und Giuliano Dal Molin sind Künstler, die meiner Einladung folgten und vor Ort arbeiteten – auch Michele Guido, der gerade eine Freske mit Keramikapplikationen für den Garten schuf.

Warum der Name Palazzo Luce?
Kurz nach dem Kauf des Palastes sah ich in dem Gang mit den schönen Majoliken das Sonnenlicht durch die hohen Fenster strömen. Daher schien mir der Name der einzig passende zu sein. Später erfuhr ich, dass die letzte Bewohnerin des Palasts ebenfalls Luce hieß. Sie hat mich wohl ausgewählt, um ihr Haus zu bewachen.
Palazzo Luce, antikes Zentrum von Lecce

[ngg src=“galleries“ ids=“124″ display=“pro_tile“]Der Palazzo Luce verfügt über sieben große Suiten für maximal zehn Gäste auf insgesamt 1500 Quadratmetern Wohnfläche. Butler, Koch und weiteres Personal stehen zur Verfügung. Preis auf Anfrage, palazzolucelecce.com