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Feminin-funktional: Die Designerin Raffaella Mangiarotti

Raffaella Mangiarottii ist eine der gefragtesten Industriedesignerinnen Europas. Warum? Sie gibt Elektrogeräten sowie Wohnobjekten clevere Funktionen und eine anmutige Erscheinung. 

Endlich kann Raffaella Mangiarotti morgens wieder vor ihrem Mailänder Lieblingslokal Fioraio Bianchi stehen und mit Freunden Kaffee trinken. Sie kann in ihr Studio spazieren und dort mit ihrem Team an Toastern, Bürostühlen und Loungesesseln arbeiten. Zuvor saß sie monatelang in einem provisorisch eingerichteten Homeoffice unter den Deckenbal-
ken ihrer Altbauwohnung und schaute hinunter auf die beinahe menschenleere Via Solferino im schicken Viertel Brera, dessen Bürgersteige in Vor-Corona-Zeiten viel zu schmal waren für all die Italienerinnen auf Shoppingtour, die Geschäftsleute und Touristen. Eine Durststrecke für die lebhafte 56-Jährige (wir haben das Alter mehrmals gecheckt, es stimmt! Anm. d. Red.). Denn gerade kurz vor dem Lockdown sorgte sie mit einer Reihe neuer Entwürfe für Aufsehen: Für das Traditionsunternehmen Manerba entwarf sie Ghisolfa, einen gepolsterten Thron, auf dem man unbelauscht telefonieren kann und Abstandsregeln befolgt, aber trotzdem aussieht wie eine Diva. Superkomfortabel und dabei nordisch schlicht ist auch ihr erfolgreicher Indoor-
Liegestuhl Siro, den sie gemeinsam mit ihrem Partner Ilkka Suppanen für die finnische Firma Woodnotes schuf. Und gerade wippt sie auf einem Bürostuhl-Prototyp hin und her – ihr neuester Wurf für den Hersteller IOC Project Partners, Tochterfirma des Hauses Lema. »Für mich bedeutet Arbeiten, meine Leidenschaft und Begeisterung für eine Sache zu teilen«, sagt die Gestalterin, die mit weißem Kaschmirpulli, heller Jeans und blond gesträhnter Mähne aussieht, als komme sie gerade von einem dreiwöchigen Surfurlaub. »Ich muss Ent­würfe live sehen, sie erfühlen, mich darüber austauschen. Zwar waren wir während der Pandemie fokussierter, aber die wichtige, direkte Interaktion mit Auftraggebern und Technikern fehlte. Außerdem entstehen die besten Ideen, wie jeder weiß, vor der Bürokaffeemaschine!«
Ihre Leidenschaft für Möbeldesign entdeckte Raffaella Mangiarotti dabei erst vor einigen Jahren. Begonnen hat sie mit viel komplexeren Designs: Schon als Kind wollte sie wissen, wie Waschmaschinen und Fernseher von innen aussehen. Kein Wunder. Denn immer, wenn in ihrem Elternhaus zwischen Möbel-
ikonen von Vico Magistretti und Achille Castiglioni ein technisches Gerät kaputt war, schraubte es ihr Vater, ein Ingenieur bei Olivetti, auf und reparierte es. Die Mutter wiederum machte mit ihr samstags regelmäßig Ausflüge in den Showroom von De Padova, bis sie dort jede Bodenfliese kannte. Gleich nach ihrem tudium (cum laude) am Mailänder Politecnico, der Ingenieur-
Kaderschmiede, an der schon Gio Ponti und Ettore Sottsass lehr-
ten, trat sie dort eine Forschungsstelle für Umweltdesign an – sie wollte wissen, wie Produkte schlau recycelt werden können. Zeitgleich gründete sie mit Matteo Bazzicalupo deepdesign und entwickelte Produkte für Konzerne wie Barilla, Coca-Cola, DaimlerChrysler, Guzzini, KitchenAid, Mandarina Duck und Skitsch. Sie erfand eine preisgekrönte Waschmaschine für Whirl­pool, die feine Pullis wie einst Hausfrauenhände sanft durch­walkt, Toaster, Wasserkocher und Knetmaschinen zum Liebhaben im knuffigen Fifties-Look für Smeg und die Leuchte Dandelion (»Pusteblume«), die sich das MoMA für seine Designsammlung sicherte. Raffaella Mangiarotti kann anhand von Polymerbasis, mechanischen Filtern und Mikroplastik erklären, wie FFP2-Masken optimal aufgebaut sein müssen, sie kann parallel Möbel entwerfen und nebenbei als Professorin mit ihren Studenten am Politecnico erforschen, wie die Bar der Zukunft aussehen könnte. »Noten vergebe ich keine, trotzdem liefern meine Schüler fantastische Ergebnisse«, sagt sie. Sie motiviert Mitarbeiter oder Studenten allein durch ihre Begeisterung für ein Projekt und gehört zu den Menschen, denen man aufmerksam zuhört, weil man spürt, dass sie etwas zu sagen haben.
Einmal alles anders, bitte!
Mit dieser Ausstrahlung gelang es ihr auch, starre Strukturen in altitalienischen Firmen zu lockern: Bei Serralunga, gegründet 1825 und bekannt für Outdoormöbel aus Kunststoff, mixte sie Talkum in die Plastikrezeptur, um die Haptik weicher erscheinen zu lassen. Eine Art Warmlaufen für die Designerin. Zwei Jahre später nämlich krempelte sie den Traditionsbetrieb Manerba um: »Deren Möbel sahen aus wie Statussymbole, maskulin und oft aus dunklem Holz und Leder. Ich konnte dieses Konzept nicht mittragen«, erinnert sie sich. Also führte sie sanfte Farben und sinnliche Silhouetten ein. »Das Führungsteam hat ganz schön erstaunt geguckt, als es hörte, was ich vor­hatte. Nur die Chefin Grazia Manerba hat mein Vorhaben von Anfang an unterstützt«, erzählt sie lachend. »Wir haben bei der Produkt­entwicklung auf Fürsorge und Praktikabilität statt auf Macht gesetzt.« Eines der ersten Ergebnisse ihres Ziels waren Sofa und Sessel Undecided mit Lehnen aus aufeinanderge­steckten Kissen. »Wenn du Wein auf ein Polster gießt, kannst du es waschen, ohne gleich das ganze Sofa reinigen zu müssen.« Erstmals komplett freie Hand bei der Wahl von Formen, Farben und Bezügen hat sie seit 2018 als Kreativchefin von IOC Product Partners. »Ich sah mich 100 Jahren Möbelgeschichte gegenüber und muss­te dem etwas Neues hinzufügen!« Das ist ihr gelungen. Etwa mit dem Sesselthron Ghisolfa. Selbst Minimalist Konstantin Grcic schrieb ihr eine Nachricht: »Ich habe Deine schöne, elegante Kollektion entdeckt – Glückwunsch!« »Das war für mich ein überraschendes Lob, weil ich trotz aller Unterschiede seine Denke und Designauffassung liebe«, sagt sie. Und was ist typisch Mangiarotti? »Ich versuche, meine Ent­würfe immer einladend und anmutig erscheinen zu lassen, jedoch nicht ver­spielt«, erklärt sie. »Der wunderbare Architekt Andrea Branzi hat einmal zu mir gesagt: ›Raffaella, du bist wie eine Lilie, Du wirkst feminin, aber nicht auf eine dekorative Art!‹ Genauso sollen auch meine Kreationen sein.«