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Typisch deutsch

 

Pünktlich. Ordentlich. Diszipliniert. Soweit das Klischee. Was aber ist wirklich typisch deutsch? Wir haben Menschen gefragt, die dem Stereotyp ganz und gar nicht entsprechen. Oder doch? Neun Top-Kreative wagen einen Blick in die Deutsche Seele. 

©Robertino NikolicJOHANN KÖNIG, Galerist 

„Regeln sind wohl ein elementarer Grundsatz der deutschen Seele. Dabei verheddert man sich leicht im dichten Regelwerk. Irgendwie scheint Deutschland das auf die EU übertragen zu haben. Die macht das auch nicht besser. In Deutschland gibt es sogar länderweise unter- schiedliche Bauordnungen. Du kannst nicht in Köln und Berlin dasselbe Haus bauen. Mich selbst interessieren REGELN nur, um sie zu brechen. Man muss sie gut kennen, um das zu tun. Aber es gibt auch Regeln, die Vorteile haben: Zum Beispiel, dass Bordsteinkanten in Deutschland ziemlich regelmäßig sind. Für Menschen wie mich, die nicht gut sehen können, ist das sehr hilfreich.“ 

Johann König, geboren 1981 in Köln, Sohn der Illustratorin und Schauspielerin Edda Köchl-König und des Kunstprofessors und Kurators Kaspar König, sog die Kunst schon mit der Muttermilch auf. Nach einem Unfall mit explodierenden Schwarzpulverkügelchen verlor er 11jährig den Großteil seines Augenlichts. Trotzdem gründet er 2002 er eine Galerie für zeitgenössische Kunst. 2012 pachtet er das Gemeindezentrum St. Agnes in Berlin-Kreuzberg und lässt nach Plänen der Architekten Brandlhuber + Emde, Burlon das brutalistische Kirchenschiff zu Ausstellungsräumen umbauen. 2017 eröffnet König eine weitere Galerie in einer Tiefgarage in London. König vertritt heute international bedeutende Künstler wie Katharina Grosse, Jorinde Voigt, Elmgreen & Dragset, Norbert Bisky und Erwin Wurm. koenig.art 

 

©Robertino NikolicLEYLA PIEDAYESH, Mode-Designerin 

„Einen deutschen Touristen erkennt man sofort: an den SANDALEN. Bevorzugt mit Socken. Ich frage mich immer, was das soll. Wenn man Sandalen trägt, ist es doch warm. Wozu dann Socken? Wahrscheinlich schwitzt man sonst in den Plastikmodellen. In letzter Zeit kam auch noch das Pech dazu, dass sie Adiletten zum Fashion-Trend wurden. Natürlich auch mit Socken. Den Impuls haben schlecht gekleidete Deutsche gegeben. Irgendwann wird eben jedes No-Go zum Go-Go. Aber die Sandalen sind nicht nur schlechter Geschmack, sie sind auch praktisch. Pragmatismus wurde ganz bestimmt in Deutschland geboren. Dieser Aspekt allerdings gefällt mir.“ 

Leyla Piedayesh wurde 1970 in Teheran geboren. Nach der Islamischen Revolution emigrierte die Tochter eines Ölingenieurs und einer Modeboutique-Besitzerin mit ihren Eltern nach Deutschland und wuchs in Wiesbaden auf. Nach dem Abitur arbeitete sie als frei Journalistin für RTL und Pro7, später bis 2001 als Redakteurin bei MTV Deutschland. In Berlin gründete sie ihr Modelabel Lala Berlin, benannt nach ihrem Spitznamen in jungen Jahren. 2004 brachte sie ihre erste Strickkollektion heraus. Seit 2006 hat sie ihren eigenen Shop in Berlin-Mitte. Seit 2007 ist sie regelmäßig auf der Berlin Fashion Week vertreten und gehört zu den führenden Berliner Modemachern. lalaberlin.com

 

©Robertino NikolicGRAFT, Architekten 

„Es gibt in Deutschland zwei wesentliche Kategorien: Vorsicht und eine strenge Bewertung von richtig und falsch. Vorsicht oder das relativ ängstliche Wesen hat zur Folge, dass meist der kleinste gemeinsame Nenner gesucht wird. Auf Fußball übertragen: Typisch deutsch ist die Mannschaft. Argwöhnisch betrachtet wird der geniale Künstler mit dem riskanten Pass. Wenn der schief geht, kommt die unangenehmste Ausprägung der deutschen Seele zum Vor- schein: SCHADENFREUDE. Das Wort kann man nicht mal übersetzen. Dahinter steckt der Drang des Gleichmachens, jemanden anderen nicht zu sehr aufsteigen sehen zu wollen. Aber auf der anderen Seite: Das hat auch sehr viel mit Gerechtigkeitssinn zu tun.“ 

Graft wird 1998 von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit in Los Angeles gegründet als Label für Architektur, Städtebau, Design, Musik und „the pusuit of happiness“. Seit 2001 unterhalten sie eine Filiale in Berlin, die heute ihre Basis ist. Graft beschäftigt 150 Mitarbeiter auf drei Kontinenten (2004 kommt das Büro Peking dazu). Frühe Bekanntheit erlangt das Trio durch seine Kooperation mit dem Hollywoodstar Brad Pitt, dessen Projekt „Make it Right“ den Wiederaufbau von Wohnraum für die Opfer des Wirbelsturms „Kathrina“ in New Orleans zum Ziel hat. Graft bietet in seiner Arbeit Unerwartetes, Überraschendes – eine Architektur, die entsteht aus ihren Umständen, die durch das graften, also das verbindende Koexistieren verschiedener Realitäten entsteht. graftlab.com