Macher als Model

 

Von Jan van Rossem. Fotos: Robertino Nikolic. Stylist: Sabine Berlipp. Grooming: Jasmin Berger und Carol Geiger. Foto-Assistenz: Nick Soland. Styling-Assistenz: Jasmin Onora Hug. Produktion: Snesha Bloom/ Call List

Eigentlich hätte er auch problemlos Model werden können. Aber er hat sich für den Beruf des Designers entschieden. Keine schlechte Wahl. Mode ist aber immer seine Leidenschaft geblieben. Uns zeigt Alfredo Häberli noch einmal, wie es (und er) geht.

Man kann mit Alfredo Häberli mindestens so gut über Mode reden wie über Design. Bei den Erinnerungen an seine frühe Model­karriere kommt er schnell in Fahrt. Zum Beispiel bei der Geschichte mit Michel Comte. »Beda Achermann, Art Director Studio Achermann, Zürich, rief mich an und sagte, er brauche für ein Shooting ein männliches Model, das nicht so gut aussieht. Ob ich das machen könne.« War natürlich nur eine Frotzelei unter Freunden. Andererseits: Er sollte dem Star nicht die Show stehlen. Nichts leichter als das neben dem gebuchten weiblichen Model. Ihr Name: Helena Christensen. »Wir waren am Comer See, es wurde gefeiert, gegessen und getrunken. Viel getrunken.« Mitten in der Nacht, als kaum noch jemand gerade stehen konnte, sprang Comte auf und forderte Action.

»Wir torkelten zum bereitstehenden Riva-Boot. Comte war zufrieden mit dem Motiv. Am nächsten Tag die nächste Überraschung: Wir fuhren mit dem Boot gemächlich raus in den See, als Comte plötzlich den Hebel auf Vollgas drückte. Ein Wunder, dass keiner über Bord gegangen ist. In den Gesichtern aller Beteiligten Stress und Panik. Comte nutzte die Schrecksekunden und hat sensationelle Bilder gemacht. Die Spannung ist im Foto greifbar.« Heute kann er über die Erinnerung herzlich lachen. Noch mal gut gegangen. Wie eigentlich alles andere auch in seinem Leben. Alfredo Häberli gehört zu den erfolgreichsten Dauerbrennern der internationalen Designszene. Es gibt nur wenige renommierte Hersteller, die ihn noch nicht beauftragt haben. Warum eigentlich? Sein Design ist meist ein Bestseller. Allen voran das Geschirr Origo für Iittala, stapelbare Schalen, Teller, Tassen, die entfernt an das Prinzip der immer kleiner werdenden Matroschka-Stapelpuppen erinnern. Vor allem aber wegen ihres Streifendekors bleiben sie jedem in Erinnerung (und verursachen bei Modedesigner Paul Smith wahrscheinlich ein wenig Neidblässe). Häberlis Entwürfe sind gleichzeitig innovativ und vertraut, intelligent und verspielt, sie berühren Kopf und Seele, bereichern die Umgebung, ohne aufdringlich zu sein. So wie er selbst. Freundlich, sympathisch, lustig, unterhaltsam, aber auch für ernste Gespräche offen. Der 57-jährige Schweizer, im argentinischen Córdoba aufgewachsen, als Junge mit seiner Matchbox-Sammlung im Koffer nach Zürich übergesiedelt, ist, wenn man das so sagen darf, universell zu gebrauchen. 

Dank langer Verbundenheit hat er sich noch einmal überreden lassen, für IDEAT zu modeln. Verlernt hat er nichts, hat ja auch langjährige Erfahrungen. Es begann schon im Studium: Häberli studierte Industriedesign in der Schule für Gestaltung Zürich – er im zweiten Stock, oben im fünften waren die Modedesigner. »Die mussten ja ihre Entwürfe präsentieren. Und hatten kein Budget. Also haben wir ihnen Bühne und Szenografie gebaut. Und sind dann auch gleich für sie gelaufen«, erzählt er mit einem Grinsen im Gesicht in Erinnerung an seine frühen Modelerfahrungen. So ging es los. Nebenbei lernte er dort in den Etagen dazwischen (bei den Grafikstudenten) auch noch seine Frau kennen, mit der er sich – und zwei mittlerweile erwachsenen Kindern – ein ziemlich glückliches Leben gestaltet hat. Designer eben.

Ende der 1990er-Jahre präsentierte er als Ehrengast im Rahmen der Designmesse im belgischen Kortrijk gemeinsam mit Konstantin Grcic Entwürfe von Raf Simons und Walter Van Beirendonck. Ein richtiges Wunder sind solche Anfragen an ihn nicht. Man findet leicht weniger attraktive Männer als Alfredo Häberli. Es wäre übertrieben, würde man seine Modelkarriere als eine Art zweites Standbein bezeichnen. Das bräuchte er wirklich nicht. Aber andererseits schmeicheln ihm solche Anfragen und können auch mal richtig lukrativ sein. Sein Tätigkeit als Markenbotschafter für Jaeger-LeCoultre bestand in einem »vielleicht zweistündigen Fotoshooting« und dem Tragen von Uhren des Herstellers. »Ich mochte die Vintage-Modelle lieber und sie haben mir das, ein wenig zähneknirschend, genehmigt.« Für das Honorar dieser Kooperation muss man schon einige Erfolgsmodelle designen. Auch die Modemarke Windsor entdeckte seinen Appeal. Aber solche Shootings waren für Häberli trotz der großzügigen Vergütung »immer eher Spaß«. Die Modelhonorare investierte er bevorzugt in Uhren. Dabei ist er dem Thema in jeder Hinsicht sehr gewogen. Nicht nur, was seinen Kleidungsstil angeht. »Mode habe ich auch immer wieder selbst gemacht.« Für die mallorquinische Schuhmarke Camper entwarf er sowohl Herren- als auch Frauenmodelle, für die Wallpaper-Show Handmade einen Overall gemeinsam mit dem Edelschneider Cerruti, der ohne Weiteres auch als extravaganter Abendanzug durchgehen würde. Ein one-off, nur er hat einen. Eigentlich die einzige Kritik an diesem Entwurf. Woher kommt diese Affinität? »Mode inspiriert mich. Aber nicht, dass ich dann gleich modisches Design mache. Es regt meine Gedankenwelt an. Bringt Ideen ins Laufen. Genauso wie Kunst.« Letztere Inspiration hat er in Zürich und im nahe gelegenen Basel im Überfluss: Häberli schwärmt von der Baseler Fondation Beyeler mit ihrer Vergleichsschau von Hans Arp und Auguste Rodin sowie der spektakulären Inszenierung von Olafur Eliasson. »Das trieb mir fast Freudentränen in die Augen.« Häberli kann cool sein, aber ist im Kern sehr emotional. Wie sein Design.