Bilder wie Ballett – Die Arbeiten von Jean-Paul Goude

Er hat Auftritt und Style von Grace Jones miterfunden, war mit ihr liiert. Die Größen der Modebranche und des Showbiz stehen Schlange bei ihm, um sich porträtieren zu lassen: Jean-Paul Gaultier, Christian Lacroix, Rihanna, Lady Gaga. Das Leben von Jean-Paul Goude spielt sich ab wie ein Film. Das sieht man in seinen Bildern.

Seine Werke sind skurrile Inszenierungen, fantastische Verfremdungen, Idealisierung des Schönen: Der Franzose Jean-Paul Goude porträtiert die Stars aus Film, Fernsehen, Musik und Mode, wie es ihm gefällt. Prominenz und Publikum sind begeistert.

Außer dem Montmartre gibt es – was viele Nichtpariser nicht wissen – noch einen weiteren steilen Hügel in Paris. Er befindet sich im östlichen Teil des 19. Arrondissements zwischen dem Jardin Partagé des Habitants de la Butte Bergeyre und dem weitläufigen Parc des Buttes-Chaumont. »Eine ruhige Gegend, manchmal zu ruhig«, sagt Jean-Paul Goude. Mit ein Grund, weshalb nur wenige Touristen hierherkommen. Außerdem ist der Aufstieg über 83 Stufen beschwerlich.

Jean-Paul Goude hat es sich in jeder Hinsicht gemütlich gemacht. Hinter dem Haus, in dem er mit seiner Frau (und bis vor Kurzem auch mit den beiden erwachsenen Kindern) wohnt, hat er sich ein geräumiges Atelier mit bodentiefen Fenstern rundherum eingerichtet, das auch als moderne Loftwohnung viele Abnehmer finden würde. Als Jean-Paul zur Besprechung erscheint, setzt er unbeholfen einen Fuß vor den anderen und lässt sich schwer in einen Sessel fallen. Nach einer fröhlichen Begrüßung und ohne eine Frage abzuwarten, beginnt er zu reden. Jean- Paul redet gerne – und redet einfach drauflos. Er erklärt seinen derzeitigen Zustand: »Ich bin vor eineinhalb Jahren die Treppe hinuntergestürzt und habe mir alles gebrochen: meinen Arm, mein Bein, meinen Rücken, aber vor allem habe ich mir das Innenohr gebrochen und man hat mir gesagt, dass es vielleicht nie wieder heilen wird. Ich habe keinen Gleichgewichtssinn mehr. Das ist kein Spaß.« Wie um das zu beweisen, richtet er sich mit Bedacht auf und geht langsam zur Tür. Äußerst vorsichtig dreht er sich um und setzt sich in seinen Sessel. »Ein Jahr in einem Bett zu liegen, ohne sich zu bewegen, ist sehr hart. Ein ziemlicher Umbruch, wenn ich an die letzten zwanzig körperlich sehr anstrengenden Jahre denke, die vergangen sind.«

Jean-Paul Goude wurde am 8. Dezember 1940 in Paris geboren. Seine Mutter, eine amerikanische Broadway-Tänzerin, hatte in New York einen Franzosen geheiratet, bevor sie nach Paris kam, um sich dort mit ihrem Mann niederzulassen und schließlich ein kleines Tanzstudio in der Nachbarschaft zu eröffnen. Ihr Sohn Jean-Paul wurde im Pariser Vorort Saint-Mandé geboren und wuchs in der Nähe des Zoo de Vincennes sowie des Musée national de l’histoire de l’immigration auf, welches den ehemaligen französischen Kolonien gewidmet ist.

»Der Krieg war noch nicht vorbei, ich war ein Einzelkind und meine Eltern und ich gingen nicht allzu oft aus. Wir wohnten direkt neben dem Zoo, umgeben vom Geschrei der wilden Tiere und dem Musée des Colonies, das mit allen möglichen Bildern von asiatischen und afrikanischen Eingeborenen gefüllt war. Hier begann mein besonderes Interesse für Exotik. Es hat bis heute nicht aufgehört.«

Es gibt eine weitere große Leidenschaft im Leben des Jean-Paul Goude. »Meine Mutter behauptete immer, ich sei ein geborener Tänzer. Zu Hause redete sie nur über ihre kleine Tanzschule, ihre Schüler, Musik, Theater, Showbusiness, Filme. Sie nahm mich ein- oder zweimal mit ins Ballett, aber das gefiel mir nicht. Ich liebte nur Jazz und Rhythm and Blues und galt als guter Clubtänzer. Aber ich war gerade an der renommierten Kunstschule Les Arts Décoratifs aufgenommen worden, wo man Tag für Tag zeichnen musste. Ich musste ernsthaft werden. Und als mir schließlich aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt wurde, dass ich nicht das Zeug zum professionellen Tänzer hätte, konzentrierte ich mich auf meine Zeichnungen.«

Jean-Paul macht eine kurze Konzentrationspause. Bevor die nächste Frage die Lücke in seinem Redefluss nutzen kann, erzählt er weiter. »Seit meiner Kindheit sind die einzigen beiden Fähigkeiten, die mir in die Wiege gelegt wurden und die ich hoffentlich nie verlieren werde, das Zeichnen von Bildern und das Tanzen, auch wenn Tanzen im Moment nicht infrage kommt.«

Als Jean-Paul Goude ungefähr 25 Jahre alt ist, kommt es in Paris zu einer folgenschweren Begegnung mit Harold Hayes, dem damaligen Chefredakteur des Esquire, eines der wichtigsten amerikanischen Magazine jener Zeit. »Hayes war nach Frankreich gekommen, um nach einer neuen Generation von Illustratoren zu suchen, und so lernten wir uns kennen.«

Nach mehreren Treffen bot ihm Hayes an, ihn nicht nur als Illustrator, sondern auch als Artdirector seiner Zeitschrift anzustellen. »Ich hätte ihm vor Freude in die Arme springen können«, sagt Jean-Paul noch heute begeistert, während er sich bemüht, dies zu demonstrieren, aber sitzen bleibt. Im Allgemeinen spricht er sehr körperlich, was in anderen Episoden seines Lebens manchmal zur Verblüffung seines Gesprächspartners führen kann. Man kann nicht über Jean-Paul Goude sprechen oder schreiben, ohne Grace Jones zu erwähnen, den Discostar der 1970er- und 80er-Jahre. Die beiden lernten sich in New York kennen, als sie noch gelegentlich modelte. In dieser Zeit wurde Jean-Paul Goude zu Grace’ künstlerischem Leiter, der ihre Liveauftritte, ihre Videos, ihre Plattencover, ihre Bühnenauftritte, ihre Anzüge sowie ihren Haarschnitt konzipierte und in Szene setzte. Und das bringt uns direkt zur Geschichte des skandalösen Fotos, für das sie in einem Tigerkäfig posierte.

»Ob sie nun scherzte oder nicht, Grace präsentierte sich immer als Menschenfresserin, sie genoss es und sie dachte, dass ihr Publikum sie so wahrnahm.« So viel als kleine Einordnung vorab. »Es ist ungefähr vier Uhr morgens in der Halloween-Nacht 1978. Grace soll im Roseland Ballroom auftreten, einem legendären Klub, der von der New Yorker Schwulenszene besucht wird – Grace war langsam, aber sicher zu einer Schwulenikone geworden –, und die Show muss so provokant wie möglich sein für ein Publikum, welches einfach erwartet, provoziert zu werden, denn in jenen Tagen scheint alles möglich zu sein. In ihrem Hit Do or Die wird Grace gezeigt, wie sie auf Händen und Knien um einen lebenden Tiger herumkriecht, der sich in seinem Käfig anschleicht. Als sie die Tür des Käfigs öffnet, gehen alle Lichter im Theater aus. Brüllen, Schreie, Panik … Nach einigen spannungsgeladenen Sekunden geht das Licht wieder an … der Tiger ist verschwunden und Grace sitzt allein im Käfig und kaut auf einem großen Stück Kunstfleisch herum.« Großes Kino!

Die Beziehung zwischen Jean-Paul Goude und Grace Jones war – gelinde gesagt – bis an die Grenzen des Erträglichen aufregend. »Kunsthandwerker wie ich sind etwas anderes als Pop- stars«, erklärt Goude. Die Beziehung dauerte lediglich zwei Jahre. Aber sie hatte es in sich.

Eines Morgens kommt Grace von einer Party, geht zu Jean-Paul, der die ganze Nacht an dem Bild gearbeitet hatte, das ihr berühmtestes Albumcover werden sollte. Sie ist schlecht gelaunt, wirft einen Blick auf das Bild und beginnt, es zu kritisieren. »Was weißt du denn schon?«, sagt Jean-Paul und sagt ihr, sie solle »verschwinden«. Grace flippt aus. Sie zischt ihn an und hebt ihren Arm, um ihn zu schlagen, sie verschätzt sich und kratzt mit ihren langen Fingernägeln eine Wunde an seiner Stirn auf. Das Blut spritzt. Jean-Paul ist wütend über den Anblick seines eigenen Blutes und packt sie am Hals, um sie festzuhalten. Als er merkt, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, lässt er sie los und entschuldigt sich für seine Brutalität. Sie sagt nichts, aber rammt ihm ihr Knie herzhaft zwischen die Beine.

Zurück in Paris, wird Jean-Paul von großen Werbeagenturen kontaktiert. Alles, was Rang und Namen hat, klopft an seine Tür: Prada, Kenzo, Hermès, Citroën, Galeries Lafayette, Chanel. Jeder, der über vierzig ist, erinnert sich an den Werbespot mit den Models, die verzweifelt »Égoïste« aus den Fenstern eines Rivierapalastes schreien. Die Liste geht weiter und weiter. Umso erstaunlicher ist es, wenn der Künstler von sich selbst sagt: »Technisch gesehen bin ich kein Fotograf und aus demselben Grund bin ich auch kein Filmemacher. Ich bin immer noch ein Illustrator, auch wenn ich einen Film mache. Es steckt mir in den Knochen, ich bin der Fotoillustrator meiner eigenen Ideen. Meine Bilder erzählen Geschichten, die fotografisch anmuten. Dennoch bin ich, ob ich will oder nicht, ein Zeichner. Vor einem Fotoshooting oder sogar vor einem Film zeichne ich meine Ideen. Das ist die einzige Möglichkeit, wie ich arbeiten kann.«

© Jean-Paul Goude / ‚Rihanna‘ für Vogue Frankreich und London 2017

Das scheint die Prominenz nicht im Geringsten zu stören. Die großen Namen stehen Schlange. Alle großen Modedesigner, Karl Lagerfeld, Jean-Paul Gaultier, Christian Lacroix, Azzedine Alaïa. Popstars wie Rihanna, Lady Gaga, Björk. Berühmtheiten wie Kim Kardashian, Oprah Winfrey. Und sie alle nehmen klaglos hin, was immer der verrückte Franzose sich an Inszenierung einfallen lässt. Vor allem das, was er selbst augenzwinkernd als »French correction« bezeichnet. Er zerschneidet die Fotos in Streifen, legt sie ein wenig auseinander, malt die Zwischenräume aus. Der Hals wird giraffenartig lang, der Po so ausladend, bis ein Champagnerglas darauf Platz findet. Der analoge Vorgänger von Photoshop.

Man hat Goude oft vorgeworfen, er idealisiere Körper. »Ich idealisiere alles! Ich idealisiere, was ich attraktiv finde. Ich feiere, was ich schön finde. Okay, es ist eine falsche Realität, genauso wie das Theater, das Kino, das Ballett; das gilt für fast alle angewandten künstlerischen Ausdrucksformen.«