Die Erotik der Melancholie – Formento & Formento

 

Das Fotografenduo Formento & Formento verbindet in seinen Werken Vergänglichkeit und Vergangenheit, Schönheit und Sehnsucht zu Gesamtkunstwerken. Geheimnisvolle Frauen in düsteren Sujets machen den Reiz der Motive aus, die leichtfüßig auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch tänzeln.

Hinter dem Namen Formento & Formento stehen der Fotograf BJ und die Art-Direktorin Richeille Formento. Bekannt geworden ist das Künstlerehepaar 2009 durch die Serie Circumstance, für die es monatelang mit dem Wohnwagen durch die USA reiste und junge Frauen inszenierte. Entstanden sind Bilder, die bis ins Kleinste komponiert sind – glamourös, sinnlich und manchmal beklemmend. Weitere Serien schufen sie in Japan, Kuba und Europa.

© Formento & Formento

Wie würden Sie Ihre Partnerschaft charakterisieren?
BJ: Schönheit ist das, was passiert, wenn Menschen, die sich zugetan sind, gemein- sam etwas verwirklichen. Die Bilder, die wir schaffen, sind ein gegenseitiges Porträt, ein Austausch, in dem die Individualitäten der Künstler verschwimmen. Ich würde unsere Partnerschaft als symbiotische Kreativität charakterisieren. Ich bin das Licht und Richeille ist das Pigment.
Richeille: Wir bezeichnen uns als Formen- to & Formento, Fotografie und kreative Leitung, aber tatsächlich funktionieren wir am Set als Einheit. Wir haben das Glück, Partner in der Liebe, im Leben und in der Kunst zu sein. Der schöpferische Spirit ist allgegenwärtig. BJ macht den Großteil der Fotografie und Beleuchtung, ich konzentriere mich auf Styling, Haare, Make-up sowie die künstlerische Leitung.

Wie haben Sie sich kennengelernt?
Richeille: Das war 2005 an einem Set in Miami, Florida. Da haben wir uns unsterblich ineinander verliebt und drei Monate später in New York City geheiratet. Seitdem füttern wir uns gegenseitig mit Liebe und kreativen Inspirationen.

Trennen Sie Beruf und Privatleben?
BJ: Unser Privatleben ist Bestandteil unseres Berufs. Selbst wenn wir bezahlte Jobs realisieren, versuchen wir, die Kunst in den Kommerz einfließen zu lassen. Richeille: Sie ist der rote Faden in unse- rem Leben, der uns als Paar und kreatives Duo zusammenbringt. Das eine kann nicht ohne das andere existieren.

BJ, Sie haben u. a. Richard Avedon und Annie Leibovitz assistiert.

© Formento & Formento

Inwieweit prägten diese Stationen Ihre Arbeit?
BJ: Als ich nach New York zog, assistierte ich unter anderem bei Annie Leibowitz. Mir wurde klar, dass dort auch nur mit Wasser gekocht wird. Diese »Stars« benutzen die gleichen Kameras, Lichter, Polaroids und Filme. Ich habe erkannt, dass mit harter Arbeit alles erreichbar ist. Außerdem lernte ich viel über die geschäftliche Seite der Fotografie und wie man damit professionell und integer umgeht. Ich empfehle jedem Fotografen, ein oder zwei Jahre zu assistieren. Was man in der Praxis lernt, ist unbezahlbar und wertvoller als alles, was man sich an einer Kunstschule aneignet. 

In Ihren Serien stellen Sie Bezüge zu Themen und Epochen verschiedener Kulturen her. Was bedeutet eine solche Metaebene?
Richeille: Es gab von jeher diese Sehnsucht nach früheren Zeiten. Ein Fenster in die Vergangenheit war ein Fenster in eine Seele, mit der wir uns verbinden wollten. Themen in einer neuen Kultur oder an einem neuen Ort visuell zu erkunden und die eigene Komfortzone zu verlassen, lässt die Kreativität wachsen.
BJ: Wir versuchen, eine neue Vision von dem zu schaffen, was man schon eine Milliarde Mal gesehen hat. In der Fotografie geht es um das, was gewesen ist, und sie erinnert uns stets daran, dass alles vergänglich ist.

Wie wichtig ist das Reisen für Sie?
BJ: Wir leben, um zu reisen. Wir lieben es, neue Sprachen zu lernen und in andere Kulturen einzutauchen. Wir feiern die vergangene Ära der Mode und Architektur und suchen nach Orten, die diese Lebensweise noch haben. Unser Gepäck besteht aus Tonnen von Equipment wie Licht und Koffern voller Requisiten. Das macht das Unterwegssein schwierig, hilft aber enorm dabei, unsere eigene Inszenierung zu schaffen, die Aufmerksamkeit erregt. Das ultimative Ziel ist es, verborgene Bedeutungen zu entdecken, um offen zu sein für all die Ungewissheit, mit der man auf der Straße lebt.

Wie entsteht ein Foto? Wie viel Vorbereitung braucht man?

Richeille: Das hängt vom Motiv oder dem Moment ab. Manchmal hat man sofort eine Idee und drückt auf den Auslöser. Ein anderes Mal wächst ein Gedanke, und man baut auf einer kleinen Vision in seinem Kopf auf, bis sie sich in einem allumfassenden Augenblick präsentiert.
BJ: Es ist sehr instinktiv. Man bereitet die Szene so gut wie möglich vor, aber die Magie passiert, wenn alle Beteiligten (Richeille, Model und ich) am Set sind.

Welche Bedeutung hat die Erotik in Ihren Bildern?
Richeille: Erotik hat einen sehr wichtigen Platz in unserer Arbeit, um Sinnlichkeit und Sexualität auf eine ausgewogene, nuancierte Art und Weise zu visualisieren. Wenn es richtig gemacht wird, lernt man, sich ohne Hemmungen auszudrücken und sich zu öffnen. Erotik ist kein Porno. Gute Erotik erzählt eine Geschichte.
BJ: Die Schönheit kann nicht allein auf der Ästhetik beruhen, sie muss tiefer gehen, sie muss einen psychologischen Unterton haben, Gefahr, Ängste, Wünsche … Wir mögen Erzählungen, aber nicht in einem konventionellen Sinne, wir investieren in die Atmosphäre.

© Formento & Formento

Sie fotografieren hauptsächlich Frauen. Warum?
Richeille: Sie repräsentieren die weibliche Schönheit sowohl in ihrer Zartheit als auch in ihrer Stärke. Frauen zeigen ihren inneren Charakter durch den Einsatz von Emotionen und Geheimnissen, die den Betrachter festhalten und viele Fragen in uns als Individuen aufwerfen. Eine Frau kann beide Seiten des Schwertes spielen und hat eine Komplexität, der wir gern eine Geschichte geben.
BJ: Männer sind langweilig. Eindimensional. Nichts für ungut, meine Herren. Die Frau steht immer im Mittelpunkt unserer Fotografien, sie verkörpert für uns ein Phänomen der Natur.

Sie sind beide am Auslöser. Erkennen Sie Unterschiede in Ihren Blickwinkeln?
Richeille: Ja, wir sehen die Dinge auf unsere eigene Art und Weise. Ich achte mehr auf die Details und die Komposition, den Ausschnitt und die Linien, BJ schaut auf das Gesamtbild und die Aktion oder den Inhalt. Zusammen ergibt das eine gute Mischung aus unseren beiden Visionen.
BJ: Sosehr wir am Set auch eine Einheit sind. Wir sind immer noch zwei verschiedene Künstler mit einem männlichen und einem weiblichen Blick.

Was wollen Sie der Nachwelt hinterlassen?
Richeille: Die Fotografie ist eine Plattform, um Diskussionen über Themen anzustoßen, die die Bilder beim Betrachter auslösen können. Was einen inspiriert, ist das, was einen antreibt, und jemanden berührt zu haben, ist alles, was wir uns erhoffen können.
BJ: In erster Linie bin ich sehr dankbar für ein Leben in der Kunst, und das jeden Tag mit Richeille zu teilen ist ein Segen.