Die Magie des Moments – Steve McCurry

 

Es gibt kaum einen Ort, den der Amerikaner Steve McCurry nicht bereist hat. Immer dabei: seine Kamera und sein Gespür für den besonderen Augenblick. Eigentlich Fotoreporter, zeigt sein Portfolio, wie schmal der Grat zwischen Dokumentation und Kunst sein kann.

© Marco Casino

Steve McCurry über den Unterschied zwischen Reportage und Kunst – und darüber, was sie gemein haben. Über
seinen Antrieb und was man tun muss, um ein guter Fotograf zu werden. Über seine Lieblingsmotive. Und über seinen größten Traum.

Mr. McCurry, was macht einen guten Fotografen aus?

Wenn mich Leute fragen, was sie tun sollten, um Fotograf zu werden, sage ich: »Wenn du Fotograf werden willst, verlasse zuerst dein Zuhause.« Das klingt ziemlich einfach … Na ja, es geht noch weiter: Verlasse zuerst dein Zuhause und, wie Paul Theroux überdies rät: »Gehe so weit, wie du kannst. Werde ein Fremder in einem fremden Land. Lerne Demut.«

Und dann entstehen solche Fotos wie Ihre?

Unstillbare Neugier auf die Welt ist ebenfalls unerlässlich. Natürlich sind Leiden­­­schaft für das Leben, Tapferkeit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit allesamt wesentliche Eigenschaften.

Können Sie Ihren Antrieb für den Job beschreiben?

Mein Antrieb zum Fotografieren sind ­meine Neugierde und der Wunsch, zu wandern und zu erkunden. Sie waren oft in Krisengebieten.

Was war die bedrohlichste Situation, in der Sie sich befunden haben?

Unter Beschuss zu fotografieren, speziell im Irak und in Afghanistan, ist wirklich sehr herausfordernd – freundlich ausgedrückt. Aber ein Fotograf muss in Kriegs­situationen kalkulierte Risiken eingehen, um zu dokumentieren, was dort geschieht. Die Welt braucht Bilder jenseits von Propaganda, die die Wahrheit zeigen.

© Steve McCurry

Wurde es auch außerhalb von Kriegshandlungen schon mal brenzlig?

Ich wurde einmal in Mumbai von einigen betrunkenen Feiernden angegriffen, während ich am Strand fotografierte. Sie drängten mich ins Meer, ich wäre fast ertrunken. Ein anderes Mal war ich bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien an Bord und fand mich kopfüber unter Wasser. Ich konnte nicht atmen. Es war Fe­bruar und eiskalt. Wie durch ein Wunder habe ich es geschafft, aus dem Flugzeug zu kommen. Das war sehr knapp.

Können Fotos von Krisen und Katastrophen Kunst sein?

Ich denke, das hängt von der persönlichen Definition von Kunst ab. Aber wenn ich in die Augen von Menschen schaue, die in Flüchtlingslagern leben, wie in Afghanistan, Burma, Jordanien oder Kuwait, dann sehe ich zähe, beherzte Menschen voller Würde und Stärke. Das Leben dort ist oft hart und unversöhnlich, aber die Menschen nehmen die Herausforderungen an, ohne zu zögern. Das ist es, was ich versuche, in meinen Bildern zu vermitteln. In der ­Widerstandsfähigkeit liegt Schönheit, ein allgemeines Gefühl der Ruhe und Harmonie.

Wie würden Sie die Grenze zwischen Reportagefotografie und Kunst definieren?

Es gibt Unterschiede und Überschneidungen zwischen Fotografie und Kunst. Es ist schwer zu verallgemeinern. Die Arbeiten von André Kertész, Henri Cartier-Bresson und Walker Evans sind ein perfektes Beispiel dafür, dass ein Foto beides zugleich sein kann.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Motive für Fine Art Prints aus?

Sie müssen möglichst vieles auf einmal bieten: Ausgewogenheit, Harmonie, Sinn für Timing, Licht, Komposition, Allgemeingültigkeit des Motivs.

Sie fotografieren Kriegsopfer und Tiere, Städte und Landschaften, Katastrophen und Idyllen und Menschen, Menschen, Menschen … Was fotografieren Sie am liebsten?

Das Wichtigste für mich ist die Geschichte oder das menschliche Element beziehungsweise eine emotionale Komponente, die etwas über den Zustand des Menschen aussagt. Wir sind alle Menschen; wir machen alle diese Erfahrung zusammen. Ich bin an den Gemeinsam­keiten der Menschen auf der ganzen Welt interessiert. Wo auch immer wir auf der Welt leben, unser Leben ist so ziemlich das gleiche. Ja, es gibt Konflikte und einige Unterschiede, aber darüber hinaus arbeiten wir alle, haben alle Freunde und Familien, teilen Mahlzeiten.

Hat sich Ihr Weltbild durch Ihre Arbeit verändert?

Nachdem ich in so viele Ecken der Welt gereist bin und dabei so viele unterschiedliche und einzigartige Menschen getroffen habe, kann ich sagen, dass ich mich in der Lage befinde, die Welt zu verstehen. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich eine gemeinsame Ebene gefunden habe, die uns vereint, und nicht die Unterschiede, die uns trennen.

Wie machen Sie ein Foto, das es schafft, ein Kunstwerk zu werden?

Ich habe die Idee der Unbeständigkeit, wo alles in ständigem Fluss ist, und die ­Fotografie erlaubt es, einen flüchtigen Moment der Zeit einzufrieren, etwas, das wir für immer behalten können.

Steve McCurry, können Sie den akt des fotografierens beschreiben? Planen Sie, inszenieren Sie oder müssen Sie »nur« den perfekten Moment einfangen?

Viele meiner Porträts sind das Ergebnis von zufälligen kurzen Begegnungen, die vielleicht ein paar Minuten von Anfang bis Ende dauerten. Der Schlüssel ist, die Geduld zu haben, auf den perfekten Moment zu warten. Es ist eine Sache der Intuition, der Erfahrung, des Glücks und ein wenig Magie. Meine Arbeitsweise ist es, durch eine Stadt oder ein Dorf zu gehen und einfach nach visuellen, spontanen Momenten Ausschau zu halten, auf die ich zufällig stoße.

Es gibt unzählige beeindruckende Aufnahmen von Ihnen. Können Sie eines Ihrer Motive als ein Lieblingsbild bezeichnen?

Mit Sicherheit gehört KUWAIT-10001 dazu: Ich saß auf der Motorhaube meines Autos, knapp zehn Meter vom Feuer ­entfernt, als wir durch die Wüste fuhren. Ich sah die Kamele ins Bild kommen und hatte sofort das Motiv vor Augen. Der Rauch war schwarz und es gab einen ­kleinen Bereich, in dem man das Feuer sehen konnte. Ich folgte den Kamelen, bis sie vorbeigingen und als Silhouette zu sehen waren. Ein anderes ist INDIEN-10214: Eines meiner Lieblingsfotos zeigt eine Mutter mit Kind, die durch mein Taxifenster schauen. Ich erinnere mich, dass ich während der Monsunzeit in Indien an einer Ampel angehalten wurde. Eine junge Mutter, die ihr Kind im Arm hielt, tauchte vor dem regennassen Heckfenster auf und spähte ins Auto. Ich konnte schnell meine Kamera greifen und zwei Aufnahmen machen. Der Kontrast zwischen der Frau, die mit ihrem Kind in der Hitze steht, und dem Fahrer, der wegfährt, ist beeindruckend. Plötzlich wurde mir mein Komfort in einem klimatisierten Taxi bewusst.

In den meisten Ihrer Fotografien sind Menschen zu sehen, wenn auch manchmal nur im Kleinen, umgeben von einer atemberaubenden Kulisse. Wie wichtig ist dieses Element für Ihre Motive?

Alle meine Arbeiten drehen sich um das menschliche Verhalten und um Geschichten aus dem Leben der Menschen.

Glauben Sie, dass Fotokunst eine ähnliche Langlebigkeit wie die Malerei haben kann?

Ja, unbedingt!

Haben Sie noch einen unerfüllten beruflichen Traum?

Auch wenn es komisch klingt: Mein größter Traum aktuell sind Reisen in den Iran und nach Nordkorea.

Steve McCurry wird repräsentiert von:
Flo Peters Gallery, Hamburg.

flopetersgallery.com

stevemccurry.com