Fashion Meets Fantasy – Kristian Schuller

 

Kristian Schuller ist Modefotograf. Auf den ersten Blick. Aber eigentlich schafft er mit jedem einzelnen Bild Kunst. Seine Inszenierungen, die er unter massiver Mitwirkung seiner Frau Peggy realisiert, sind jedes Mal neu und überraschend einzigartig. In den Fotobüchern Anton’s Berlin, 90 Days – One Dream und Tales for Oskar wurden sie veröffentlicht.

Berlin, Torstraße. Mitten in der Szene. Hier hat Kristian Schuller Studio, Büro und Wohnung eingerichtet. Noch ist vieles im Umbau. Der Fotograf lässt sich entspannt in einen Sessel fallen.

Kristian, du bist mit deiner Familie im Alter von acht Jahren aus Rumänien nach Deutschland umgesiedelt und hast ziemlich schnell die Fotografie für dich entdeckt. Wie kam es zu deinem Berufswunsch »Fotograf«?

Ich bin in einer sehr kreativen Umgebung aufgewachsen. Mein Vater war Dramaturg am Theater, meine Mutter Kunsterzieherin. In unserem Haus waren nur Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Autoren zu Besuch. Ich kannte gar keine andere Welt.

Da wäre auch eine Laufbahn im Bereich der darstellenden Kunst naheliegend gewesen.

Ja. Bei mir kamen noch andere Dinge dazu: Schon als Kind war ich fasziniert von dem mir so unbekannten Wesen Frau – später lernte ich den Ausdruck chercher la femme kennen …

Das geht einigen jungen Männern so. Die werden deshalb noch nicht gleich Fotografen.

Mag sein. Aber ich war total gefesselt. Ich erinnere mich noch an ein Englischbuch in der Schule, da war auf einem Bild der Schatten einer Frau zu sehen. Ich hatte nur Augen für die Silhouette, habe mir alles Mögliche vorgestellt, Geschichten hineininterpretiert. Englisch habe ich in der Stunde nicht gelernt.

Solche Erlebnisse gaben den Ausschlag?

Diese Leidenschaft gab den Ausschlag. Und die Eindrücke in meiner neuen Welt. In Deutschland faszinierten mich die Far­ ben, die Eleganz, das Licht, die Strahlen.

Also hast du dir gedacht: Ich muss Frauen fotografieren. Und bunt.

Erst einmal wollte ich Modedesigner wer­ den. Mit zwölf Jahren habe ich eine Näh­ maschine bekommen, aber auch einen Fotoapparat.

Und dann fiel dir die Entscheidung schwer?

Ich habe angefangen, meine Jeans enger zu nähen, immer enger, bis meine Mutter sich schon Sorgen machte. Habe sie mit Domestos ausgeblichen, meine eigenen Kreationen geschaffen.

Fotografie spielte da noch keine Rolle?

Das ging Hand in Hand. Wir zogen von Bonn nach Düsseldorf. Und ich hatte Glück.

© Kristian Schuller / Franziska Mueller (aus Anton’s Berlin).

 

Weil?

Es gab ein Fotolabor in dem Gemeinde­haus unserer Kirchengemeinde. Nachdem meine Eltern geschieden waren, heiratete meine Mutter neu – den Pfarrer. Mein Stiefvater gab mir den Schlüssel und ich konnte nach der Schule rein. Jede freie Minute verbrachte ich da. Ich habe foto­grafiert, entwickelt, geprintet wie ein Ver­rückter. Mit 14 beherrschte ich alle Tech­niken schon recht ordentlich.

Da waren also die Weichen für die Laufbahn als Fotograf gestellt.

Eigentlich ja. Aber ich war noch immer auf dem anderen Trip. Ich habe erst mal Modedesign studiert, zum Schluss im Master -Studiengang in Berlin bei Vivienne Westwood. Harte Schule! Parallel habe ich auch Fotografie bei F. C. Gundlach ab­solviert, einem der wenigen interna­tionalen deutschen Modefotografen, und das schon seit den 1950er­Jahren …

Ein Tanz auf zwei Hochzeiten …

Ja, ich habe das in gewisser Weise kom­biniert. In der Klasse Westwood wurde ich schnell der »Hausfotograf«. Ich war auch jede Saison in Paris und habe bei den Schauen fotografiert. Am Anfang ha­ ben wir die Fotografenausweise selber improvisiert, später wurde es dann offi­ziell. Das war es, wonach ich mich gesehnt habe: Glamour. Die Mode hautnah in Paris zu erleben!

Was bedeutet für dich Glamour?

Mode war schon immer glamourös. Erst die Haute Couture und dann das Prêt­à­ Porter. Früher empfand man den interna­tionalen Jetset und die High Society als glamourös – heute sind es die coolsten Gesichter der Unterhaltungsindustrie so­ wie die Stars der Influencer­-Szene. Im Prinzip sind es immer elitäre Gruppen, die bei den Außenstehenden Bewunderung hervorrufen und das Gefühl entstehen lassen, dazugehören zu wollen.

Die Näherei hast du aufgegeben?

Ja, ich habe gemerkt: Ich bin Knipser, kein Schneider. Ich liebe die Leichtigkeit des Fotografierens, die Unabhängigkeit. Foto­ grafie erfüllt meine Sehnsucht, die Welt zu erleben. Mal drei Tage hier einen Job, dann geht’s in die nächste aufregende Stadt. Deshalb wollte ich auch nie Filme­macher werden, wie mein Vater das nach seiner Theaterkarriere war.

Ein kleiner Zeitsprung: Du bist jetzt wie lange mit deiner Frau Peggy verheiratet?

Seit 20 Jahren.

Von der Galerie oberhalb des Tisches, an dem das Interview stattfindet, klang bisher ein monotones Klickgeräusch herunter, wie es Apple-Rechner machen, wenn man Dateien in den Papierkorb wirft. Jetzt stoppt es kurz. »Seit 21 Jahren«, korrigiert die Stimme einer hinter dem Monitor versteckten Frau: Peggy. Kristians Alter Ego, Creative Director der Fotoproduktionen und mit einem etwas besseren Gedächtnis ausgestattet, was den Zeitraum des Zusammenseins angeht.

Wie muss man sich eure Zusammenarbeit vorstellen?

Wir entwickeln alle Fotos gemeinsam. Von der Bildidee über die Ausstattung bis zur Umsetzung. Peggy ist eigentlich immer da­ bei. Außer vielleicht bei rein kommerzi­ellen Aufträgen, auf die sie keine Lust hat.

Die muss es auch geben …

Ja – und ich schätze sie sehr! Es ist eine Art Belohnung für die Arbeit, die du bisher gezeigt hast. Sie buchen dich dafür, weil du für eine starke Aussage stehst. Die Kunden kaufen mehr ein, als sie brauchen. Sie kaufen den Esprit ein. Auch wenn du bei dem speziellen Auftrag gar nicht 110 Prozent deiner Möglichkeiten zeigen musst. Das ist auf den Sport übertragen: Du musst schnell sein, aber nicht unbe­dingt einen neuen Rekord laufen.

Wenn ihr eure gemeinsamen Projekte verfolgt, ist deine Frau Peggy vor allem für die Ausstattung, das Set verantwortlich?

Das ist vor allem ihr Job, ja. Aber sie ist auch die erste Kritikerin beim geschosse­nen Foto. Sie ist Creative Director. Sollte sie mal nicht am Set sein können, will sie ständig Bilder zugesandt bekommen und treibt mich an. Sie erwartet, dass ich in einem Bild das Maximale erarbeite und keine faulen Kompromisse eingehe. Also ist jedes Foto Teamwork. Alles, was zu sehen ist, wäre ohne sie so nicht entstanden.

© Kristian Schuller / Iris Strubel und das Staatsballett Berlin (aus Anton’s Berlin).


Ihr produziert extrem aufwendig.

Das kann passieren. Für ein Foto sind wir in die Wüste nahe Los Angeles gefahren, da gab es einen Autofriedhof. Nur Cadil­lacs. Wir haben ein großes Set gebaut, ein paar Stufen, auf dem ein Model posiert, davor ein Metallgerüst, an das wir große Papierschmetterlinge an Metallfäden ge­knüpft haben. Die flatterten im Wind. Es sieht aus, als bestehe das lange Abend­ kleid des Models nur aus diesen Schmet­terlingen. Das hat zwei Wochen gedauert.

Für ein einziges Motiv?

Im Prinzip ja. Wir haben aber noch wei­tere Fotos dort in der Wüste gemacht. Für ein Buchprojekt. Wir waren 90 Tage im­mer wieder in der Wüste. Es war wie in einem Roadmovie.

Wieso dort?

Ich shootete da für Germany’s Next Topmodel…

… Heidi Klum kennst du schon sehr lange. Du warst sogar mal Juror in ihrer Sendung …

Stimmt. Eine Staffel lang. Heidi wollte mich als Juror und ich machte mit ihr den Deal, dass ich ein Buchprojekt mit den jungen Damen umsetzen durfte. Wir ha­ben in den Drehpausen die Zeit zwischen­ durch und drum herum genutzt und unse­re Motive auch in der Wüste geschossen. Es war für alle Beteiligten eine echte He­rausforderung. Ich finde, man muss sich immer selbst neue Aufgaben stellen. Du musst dir Stolpersteine in den Weg legen, um wach und originell zu bleiben.

Ihr habt nach Jahren in Paris und New York Eure Basis in Berlin.

Unserer Kinder wegen. Wir wollten, dass sie in der Nähe der Familie, Großeltern, Tanten und Onkel aufwachsen. Und Berlin ist in der Zwischenzeit eine Kreativhoch­burg geworden. Hier gibt es großartige Fotografen und Teams Wir haben in Ber­lin-­Mitte unser Studio eingerichtet, Büro und Wohnung sind im gleichen Haus.

Und habt gleich wieder ein Projekt begonnen. Ein neues Buch. Warum der Titel Anton’s Berlin?

Es war unser Weg, wieder in Berlin anzu­kommen: Künstler, Nachtvögel, Schau­spieler und andere, die uns mit ihrer Per­sönlichkeit eine Reise durch diese nun auch wieder meine Stadt ermöglichten. Dieses Buch ist unserem jüngsten Sohn Anton gewidmet. Der ältere hat auch sein Buch: Tales for Oskar kam 2014 heraus, ein Jahr nach seiner Geburt.

Das klingt sehr idyllisch. Perfect life. Hast du trotzdem Wünsche?

Dass mir hoffentlich die Stolpersteine nicht ausgehen.

 

 

Eine Auswahl der Bilder stammen aus dem Buch Anton’s Berlin.

Kristian Schuller – Anton’s Berlin
Nadine Barth (Hg.), 208 Seiten, 150 Abb., englisch, Hatje Cantz, 48 Euro.