Die Design-Alchimistin Patricia Urquiola

In einer großen Ausstellung in Grand-Hornu (Belgien) versammelt Patricia Urquiola ihre Flut von Ideen und Materialexperimenten. Was sie eint? Der Anspruch verantwortungsvoller Gestaltung.

Seit einem Vierteljahrhundert entwirft die Spanierin Patricia Urquiola auffällige und bunte Dinge in Italien. Rund hundert Angestellte sind in ihrer Mailänder Ideenmanufaktur damit beschäftigt, den ständigen Strom an origineller Schönheit, den sich die temperamentvolle Chefin ausdenkt, in Vorlagen für die namhaftesten Hersteller von Designprodukten umzusetzen. Von der Vase bis zur Architektur reicht ihre Bandbreite – und nichts davon ist konventionell. Dabei spielt die Arbeit mit Materialien in ihrem Studio eine besondere Rolle, speziell unter zwei Aspekten: Experiment und Verantwortlichkeit.

PU24. Patricia Urquiolia – Glas Italia Shimmer – 2015
Aus dem Jahr 2015, einer Zeit, in der Urquiola vor allem durch Entwürfe
auffiel, die grell aus dem beigen Mainstream hervorstachen, stammt
die in Millionen Farben schillernde Möbellinie Shimmer. Je nach Standpunkt
zeigen die Glasplatten verschiedene Farbspektren (Glas Italia). © © CASSINA, GLAS ITALIA.

Die von ihr kuratierte Ausstellung Meta-morphosa wird am Sitz des CID, einem Zentrum für Innovation und Design, im spektakulären Industriedenkmal Grand-Hornu in der Nähe des belgischen Städtchens Mons gezeigt. Eindrucksvoll wird hier Urquiolas Herangehensweise mit Kreationen aus der jüngsten Vergangenheit demonstriert.

PU27. Patricia Urquiolia – Haworth Uroboro made in occasion of Elle Decor Alchemica
Inspiriert von Art-déco-Mustern und Keramik der Fünfzigerjahre schuf Urquiola die Fliesen Mater, deren dick aufgetragene Glasur das Relief der Linien nachzeichnet (Mutina). ©HAWORTH/UROBORO/MADE IN OCCASION OF ELLE DECOR ALCHEMICA.

Sie probiert neue Verfahren der Porzellanherstellung aus, indem sie Schwämme und organische Materialien einbringt und wieder ausbrennt, wodurch bizarre Ausstülpungen entstehen. Oder sie entwickelt Verfahren, Möbel aus Abfallprodukten herzustellen, was den Objekten jedoch nie anzusehen ist.

PU09. Patricia Urquiolia – Bitossi Merlate Vase
Kleine bunte Meisterwerke aus Keramik schuf die 64-Jährige mit den architektonisch anmutenden Vasen Merlate. Geformt und glasiert wird
jedes Stück einzeln in der berühmten italienischen Manufaktur Bitossi. © BITOSSI.

Ihr Blick über den Design-Tellerrand führt zum Erfolg

Ideen der Kreislaufwirtschaft, also der Rückführung aller Materialien in die Wiederverwertbarkeit, sind ebenso grundsätzlicher Teil ihrer Entwürfe wie das Entwickeln handwerklich geprägter Produkte. Das macht nicht nur jedes Stück zu einem Unikat, sondern fördert auch Arbeit, die mit Würde getan wird.

PU59 Patricia Urquiola Pipeline CCTAPIS Photo AlejandroRamirezOrozco
Für den Wandteppich Pipeline nutzte Urquiola digitales Design und verschiedene Wollstärken (CC-Tapis). © ANDREU WORLD, CC-TAPIS.

Dass sich Urquiola nebenbei mit geistesgeschichtlichen Themen beschäftigt, von französischen Strukturalisten bis zur mittelalterlichen Alchemie, ist den stilistisch vielfältigen Produkten zwar nicht anzusehen, erklärt aber deren besondere Aura – und letztlich auch deren Erfolg.

Portraet CCTAPIS PATRICIA URQUIOLA by Simon171
Vor 25 Jahren gründete Patricia Urquiola ihr Studio in Mailand. Schnell wurde sie wegen ihrer mutigen, unkonventionellen Entwürfe zu einem Top-Star
der Branche. Heute deckt sie mit ihrem umfangreichen Team alle Dimensionen des Designs ab – ob Möbel, Stoffe oder Hotel- und Jachtprojekte.© CC-TAPIS.

Aus dieser weitschweifenden Inspiration entstehen dann die Metamorphosen von Materialien in Objekte, die dem Wohnalltag eine schillernde Chemie verleihen.

patriciaurquiola.com