Johnny Miller: Der Überflieger

Der amerikanische Fotograf Johnny Miller dokumentiert mit Hilfe von Drohnen die verschiedensten Ecken der Erde aus der Vogelperspektive. Die Fotos, die er dabei schießt, zeigen einen besonderen Blick auf die Welt, der zugleich abstrakt schön ist, aber auch Arm und Reich, Enge und Weite veranschaulicht

Johnny Miller

Das Portfolio

» »Im Prinzip waren die letzten zehn Jahre die einzige Zeit in der Geschichte, solche Fotos zu machen.«

Das Interview

Ein hübscher Spätsommer-Nachmittag in Hamburg, für Johnny Miller startet der Tag gerade erst so richtig. Er ist zu Besuch bei seiner Mutter in Michigan, Laptop aufgeklappt und guter Dinge. Bereit für ein Gespräch über seine Arbeit. Johnny Miller, Jahrgang 1981, ist Fotograf mit einer besonderen Spezialität. Einzigartige Bilderwelten, die uns bei IDEAT ein Portfolio wert sind.

       Good Morning Mister Miller.

Johnny bitte.

OK. Bevor wir uns über die fürs Portfolio ausgewählten Aufnahmen unterhalten, vieleicht erstmal etwas zur Vorgeschichte. Wie kam es zur Berufswahl Fotograf?

Vorherbestimmt war das nicht. So nach dem Motto, mein Vater hätte mir in jungen Jahren eine Kamera geschenkt und ich mein Berufung entdeckt. Ich habe ein Studium Politische Wissenschaften absolviert und sah mich ganz konventionell in irgendeinem Regierungs-Job.

Das klingt fast nach dem Gegenteil…

Vielleicht. Ich hatte aber irgendwie den Drang zu sehen, was es noch gibt in der Welt. Also heuerte mit 30 als Assistent bei einer Video Produktion an, es ging um eine anthropologische Studie in Südafrika. Die dauerte einige Jahre.

Und dabei hast du die Fotografie für dich entdeckt?

So ist es. Sie war und ist das Mittel, meine Suche und Forschung zu illustrieren. Ich arbeitete auch mit Drohnen und bei vielen Bildern fiel mir auf, wie deutlich man aus der Luft soziale Unterschiede und Grenzen erkennen kann.

Und hast dort auch schon deine spezielle Ästhetik entwickelt?

Dieser Blick aus der Drohne ist »straight down«. Das ist mein Style, an dem man meine Arbeiten sofort erkennt. Diese besondere Ästhetik ist nur mit einer Drohne möglich. Nicht einmal aus dem Hubschrauber wäre es das Gleiche. Es hätte immer einen etwas anderen Winkel. 

In deiner Serie „Unequal Scences! verbindest Du ja elegant Politik und Kunst miteinander.

In Südafrika sieht man ja überall die strikten Trennungen zwischen schwarz und weiß, arm und reich. Aus der Vogelperspektive ist es noch anschaulicher. Dort habe ich meine ersten Aufnahmen gemacht.

Sind deine Arbeiten eher Kunst oder sozialkritische Dokumentation? 

Es ist Kunst und Kritik im Bild vereint. Eigentlich arbeite ich wie ein Reporter, dokumentarisch. Ich recherchiere, wo die in teressantesten Motive sind und begebe mich dann dorthin. Trotzdem ist meine Arbeit nicht journalistisch. Ich bin fein damit, wenn man mich Künstler nennt.

Selbst bei einer Auftragsarbeit? Du hast dich zuerst einmal dem Thema gewidmet? Oder hattest du gleich die Vision von einer besonderen, künstlerischen Ästhetik?

Es ging schon erst vom Thema aus. Was mich besonders interessiert hat, sind die Trennlinien zwischen Arm und Reich. Manchmal verläuft die Linie direkt zwischen zwei Häuserreihen, manchmal gibt es einen Grün- oder Waldstreifen dazwischen. So als Pufferzone. Als ich in Berlin war, hat mich besonders die ehemalige Mauer interessiert. Aber mehr noch die Leere des sogenannten Todesstreifensdahinter. Der macht die Trennung noch mehr deutlich. Die Regierung in Südafrika hat quasi dasselbe Prinzip angewandt in der Zeit der Apartheid.

Bei einigen Aufnahmen war ich eher überrascht, wie eng Arm und Reich zusammenleben, Quasi an gegenüberligenden Starßenseiten.

Ja, das gibt es auch. Oder Stadt und Natur. In Manaos, der Urwaldstadt in Brasilien, endet die Bebauung abrupt und der Dschungel übernimmt sofort.

Also sind deine Bilder Erzählungen von Menschen? Du bist für dein Projekt viel in der Welt rumgekommen.

Ich habe rund um den Globus nach solchen Trennungen gesucht. Die Basis-Recherche habe ich mit Google Earth gemacht, habe mir dann genaueres Kartenmaterial besorgt. Und wenn es sich ergab, vor Ort meine Fotos gemacht.

Das klingt nach gehörigem Aufwand für ein Motiv, sowohl organiatorisch als auch finanziell.

Ja klar ist das teuer. Aber manchmal konnte ich das mit anderen Auftragsarbeiten verbinden.

Eine ganz andere Facette deiner Arbeit. Gab es auch Sicherheitsbedenken?

Es gibt auch gefährliche Situationen. Du kannst zum Beispiel nicht so einfach mitten in einer Favela eine Drohne starten. Ich bin dann in der Nähe auf einen Hügel gestiegen und hab die Drohne von dort über das Ziel gelenkt. Du kannst auch nicht überall mit einer Drohne einreisen. Dann musst du jemanden finden, der dir die richtige Drohne leihen kann.

Wann wurde dir bewusst, dass deine Aufnahmen mehr sind als nur Dokumentation?

Als ich die ersten Bilder aus der Serie »Unequal Scenes« veröffentlicht hatte, hörte ich erfreut viele Kommentare, die meine Arbeiten wichtig und bedeutsam fanden. In beiderlei Hinsicht. Aber ich will es auch nicht übertrieben hoch hängen. In erster Linie geht es mir um die Ästhetik. Mein Wunsch ist eigentlich, dass meine Arbeiten leicht verständlich sind. Man kann es runterbrechen auf die Formel: simpel und schön.

Das klingt nach weniger als es ist.

Erstmal soll es ein ästhetisches Bild sein. Trotzdem beschäftigt es den Betrachter. Erst ist es ein abstraktes Motiv, dann erkennt man etwas, langsam mehr und mehr. Es ist ja eine ungewöhnliche Perspektive. Und man versucht, immer etwas Neues in dem Bild zu finden.

Attraktivität, Beschäftigungswert und Erkenntnis in einem Werk.

Kunst muss etwas Unerwartetes bieten. Es lebt von der Spannung zwischen abstrakter Ästhetik und der Erkenntnis sozialer Strukturen.

Du nutzt für deine Aufnahmen eine vergleichsweise neue Technologie…

Das stimmt. Solche Bilder waren nicht möglich, bevor es Drohnen gab. Gewissermaßen ist die Drohnen-Technologie Teil der Story.

Manche deiner Fotos bilden eine ziemlich große Fläche ab. Wie hoch fliegst du mit deinen Drohnen?

Drohnen dürfen nicht höher als 120 Meter fliegen. Das ist gesetzlich geregelt.

Das klingt nach weniger als es ist. Können sie aber locker, oder?

Ja bis 500 Meter. Manche unter guten Bedingungen bis tausend Meter. Aber erlaubt sind nur 120 Meter.

Ist das deine Antwort?

Das ist sie (an dieser Stelle wäre ein Augenzwinker-Emoji hilfreich). Aber im Ernst: Es gibt auch hier und da offizielle Sondergenehmigungen.

Wie viele Drohnen hast du während deiner Produktionen verloren?

Keine einzige. Ich weiß auch nicht, was die Leute mit ihren Drohnen machen, dass sie plötzlich abhanden kommen.

Welches ist die tiefere Bedeutung deiner Serie „Salt Works“

Die ist wirklich in allererster Linie ästhetisch motiviert. Zwar wird auch hier der Einfluss des Menschen auf die Erde dokumentiert. Aber für mich ist es ein rein ästhetisches Projekt. Mich interessiert nicht die Geschichte des Saline.

Die Bilder sehen auch meist aus wie abstrakte Gemälde.

Es sind wunderbare Farbkombinationen. Töne, die auf natürliche Weise entstehen. Die Farbe Rosa durch kleine Krabben im Salz. Wie bei den Flamingos, die solche Krabben fressen. Flamingos, die nicht solche Krabben fressen, sind weiß.

Attraktivität, Beschäftigungswert und Erkenntnis in einem Werk. Auch hier setzt du auf die abstrakte Drohnen-Ästhetik.

Es hat etwas Dramatisches. Es ist sehr emotional. Du fühlst, dass es ein besonderer Blick ist. Es verwirrt dein Gehirn, weil es so eine besondere, nicht gelernte Perspektive ist. Und es ist herausfordernd. Aber auch wenn es mal nicht ganz senkrecht fotografiert ist wie auf dem Auftaktfoto eurer Story, hat es eine ganz eigene Ästhetik. Du siehst nie einen Himmel. Das ist für den Betrachter immer ein bisschen irritierend. Die Gegenstände auf den Fotos wirken wie Spielzeug.

Du nutzt für deine Aufnahmen eine vergleichsweise neue Technologie… Was sind deine nächsten Ziele? Setzt du die Serie „Unequal Scences“ fort oder ist sie abgeschlossen?

Eigentlich ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Aber es wird angesichts der angespannten Weltlage immer schwieriger, solche Fotos zu machen. Im Prinzip waren die zehn Jahre, in der meine Bilder entstanden sind, die einzige Zeit in der Geschichte, solche Fotos zu machen.

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