Lars Eidinger: Dialog mit dem Unterbewusstsein

Die Fotos von Lars Eidinger zeigen Alltagsszenen in ihrer besonderen Absurdität, Skurrilität und Paradoxie. Sie irritieren, amüsieren, entwickeln Kraft und Hintersinn oft erst auf den zweiten Blick. Etablierte Museen reißen sich um seine Werke. IDEAT auch. Wir erkunden seine Motive.

Lars Eidinger
Paris, 2021.© Courtesy of Lars Eidinger.

Das Portfolio

»Alle Erklärung muss fort und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. So versuche ich zu fotografieren.«

Das Interview

Portrait Lars Eidinger
Tim Flach

Hallo Lars, findest du nicht, dass du es ein bisschen übertreibst?

       Wie bitte???

Na ja: Gefeierter Fernseh-und Filmakteur mit internationalen Engagements. DJ. Musiker. Und auch noch Fotokünstler mit Austellungen in wichtigen Museen. Bisschen viele Talente auf einmal, oder? 

Ich finde es, entschuldige die Wortwahl, ziemlich kleingeistig, so zu denken. Warum sollte man als kreativer Mensch eine Inselbegabung haben? Denn künstlerisches Talent kann sich in allen Bereichen ausdrücken. Ich beschäftige mich im Alltag mehr mit Fotografie als mit allem anderen. Schauspielerei inbegriffen. Ich identifiziere mich nicht über einen Beruf.

Was ist deine Intention beim Fotografieren?

Ich möchte mich konfrontieren und spiegeln in den Bildern und die Betrachtenden animieren, es mir gleichzutun.

Du suchst nicht gezielt nach originellen Motiven; du fotografierst mit deinem Smartphone, was du zufällig entdeckst? 

Ja, ich nutze meistens mein Handy. Damit kann ich am unmittelbarsten meinen Blick darstellen. Ich verstehe meine Fotografie in der Tradition des Readymades.

Eine professionelle Kamera würde vielleicht mehr Möglichkeiten bieten.

Wenn ich die Kamera dabeihabe, schaue ich anders. Ich suche dann nach Motiven, auch um das Mitnehmen der Kamera zu rechtfertigen. Das verfälscht meinen Blick bereits. Auch der Begriff des »Suchers« ist dahingehend entlarvend, das Motiv habe ich ja schon gefunden. Idealerweise findet das Motiv sogar mich. Gerade war ich in Shanghai und habe an zwei Tagen die Kamera dabeigehabt. Ich habe dann immer das Gefühl, dass ich gar nichts mehr sehe.

Mit dem Smartphone kannst du deine Entdeckungen also direkter festhalten?

Es ist Vermittler zwischen Motiv und mir.

Deine Bilder zeigen Alltagsszenen, wie sie jeder andere sehen könnte, wenn man sie dann sehen würde.

Jeder kann sich in den Bildern erkennen. Es ist nichts Unbekanntes, was ich zeige. Es ist wie bei einem Komiker, der Menschen imitieren kann. Man sieht etwas, das man kennt, und lacht nicht darüber, dass man etwas Fremdes sieht, sondern etwas Bekanntes.

Was man sonst meist unterbewusst wahrnimmt?

Ja, durch die Fotografie teilt sich mir mein Unterbewusstsein mit. Sie ist die Brücke vom Unterbewussten zum Bewussten.

Oft sind es Menschen am Rande der Gesellschaft, die du in ihrer Not fotografierst. Ist das eine Form von Sozialkritik?

Auf keinen Fall.

Nein?

Natürlich kommen mir manchmal Zeilen wie die aus Bertolt Brechts An die Nachgeborenen in den Sinn: »Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast schon ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. Der dort ruhig über die Straße geht. Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde, die in Not sind?« Wenn überhaupt, ist es eine Form von Selbstkritik und ich frage mich, wie ich daran vorbeigehen kann.

Stellen deine Arbeiten eine Wertung des Lebens dar? 

Nein, sie sind nicht moralisch. Wie das Brecht-Zitat »Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.« Sie sind eine Feststellung.

Was willst du Aussagen? 

Ludwig Wittgenstein hat einmal gesagt: »Alle Erklärung muss fort und nur Beschreibung an ihre Stelle treten.« So versuche ich zu fotografieren.

Da stimmen wir dir zu. Wie war dein Shooting mit der Queen? Eine Ehre, oder? Und was zum Beispuel über den Mann, der Gymnastik auf einer Grabplatte macht. Pietätlos?

Es sagt doch mehr über dich aus als über das Bild, was du darin siehst. Der Mann ist übrigens George Clooney, der sich in einer Drehpause dehnt, weil er Rückenschmerzen hat.

 Warum ausgerechnet auf einer Grabplatte?

Vielleicht wollte er sehen, ob er reinpasst … Nein, keine Ahnung, war wohl der beste Untergrund in der Nähe. Das Grab ist übrigens Kulisse und aus Pappe.

Deine Bilder sind also eine Art Dialog mit dem Unterbewusstsein? 

Manchmal, wenn ich nachts wach liege, schaue ich mir Youtube-Videos an. Der Algorithmus konfrontiert mich mit meinem Unterbewusstsein. Er registriert, wo ich unterbewusst hängen bleibe, und zeigt mir mehr davon. Das ist wie Traumdeutung.

Und etwas Ähnliches passiert mit deinen Fotos?

Ich schaue mir meine Bilder an und begreife erst rückwirkend deren tieferen Sinn und Bedeutung. Ich verstehe dann etwas über mich. Erkenne mich selbst.

Fotografieren als Selbstfindungsprozess? 

Mein dritter Bildband wird Who’s there? heißen, nach den ersten Worten aus Shakespeares Hamlet. Also: Wer ist da? Auch im Sinne von: Wer ist der oder das andere? Und: Wer spricht uns an? Es ist die Frage des Daseins und der Kunst!

Wenn es um Hamlet und Shakespeare im Allgemeinen geht, ist Lars Eidinger schwer zu bremsen. Seine spontanen Statements lauten: »Hamlet ist alles! Shakespeare ist alles!«

Das führt zu einer Episode vor zwei Jahren: Theaterfestival in Hamburg. Richard III. von Shakesspeare. Die gefeierte Inszenierung der Schauspielbühne, Berlin, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, gastiert im Schauspielhaus der Hansestadt. Der Saal voll besetzt, das Publikum erwartungsvoll. Es könnte anfangen. Aber der Hauptdarsteller ist nicht anwesend. Was war da los?

Am Abend vorher ging es um 20 Uhr los, an diesem Tag schon um 18 Uhr. War mir nicht bewusst. Ich lag noch im Bett vom Mittagsschlaf, als der Anruf der Assistentin kam, wo ich denn bleiben würde. Und das 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn. Aber um 18.10 Uhr stand ich auf der Bühne und hab den ersten Satz gesagt.

Einfach so? Von Null auf Hundert? 

Ich brauche keinen Vorlauf. Ich komme immer erst so kurzfristig ins Theater.

Und nicht in die Maske? 

Wahrscheinlich bin ich der einzige Schauspieler, der im Theater nicht in die Maske geht. Ich komme an und gehe direkt auf die Bühne. Aus dem Nullzustand. Das ist meine Philosophie.

Das klingt pur, authentisch, unprätentiös.

Kunst ist das Gegenteil von eitel. Eitelkeit meint inhaltslos, ohne Bedeutung.

Das Konzept lässt sich auch auf deine Fotoarbeiten übertragen, oder?

Es geht auch um das Genie des Moments. Unmittelbarkeit. Um Präsenz. Das ist das gleiche Phänomen.

Dabei entdeckst du oft Situationen, die ziemlich skurril wirken.

Das Skurrile ist das Alltägliche.

Du bist ein heimlicher Beobachter des Alltags? 

Ich versuche Menschen ungeschützt zu fotografieren. Sobald ich bemerkt werde, setzen sie eine Maske auf. Dann verliert das Bild für mich seinen Reiz.

Mit dem Smartphone kannst du deine Entdeckungen also direkter festhalten? Es geht dir um den spontanen Blick, den Moment der Entdeckung? 

Das ist entscheidend. So wie ich fotografiere, muss ich sehr schnell sein. Ich folge einem vordergründigen Reiz. Oft begreife ich erst später rückwirkend bei der Betrachtung die eigentliche Dimension des Motivs. Früher mit der analogen Kamera habe ich immer nur ein Foto gemacht. Damit der Film nicht so schnell voll wird. Heute mit dem Smartphone mache ich vielleicht zehn pro Motiv. Aber wenn es darum geht auszuwählen, nehme ich eigentlich immer das erste.

Das bedeutet, du würdest auch nicht das Motiv eingreifen, etwas arrangieren? 

Ich würde nichts verändern, nichts zur Seite schieben, um das Motiv ästhetischer zu gestalten, dann verliert es an Wert. Die Bilder sind größer als ich, aber nicht, wenn ich sie gestalte.

Es gibt auch keine nachträgliche Bildbearbeitung, etwa das Begradigen von Linien? 

Nein, dann verschwindet, was ich gesehen habe.

Hast du Vorbilder, was deine Fotografieren angeht? 

Mich haben Fotografen wie beispielsweise William Eggleston inspiriert. Und Walker Evens, der Menschen unbeachtet in der New Yorker U-Bahn fotografiert hat.

Nein? Wie bist du eigentlich zur Fotografie gekommen? 

Mit sechs Jahren habe ich meinen Hamster in eine Klorolle gesteckt und fotografiert. Ich fotografiere, seit ich denken kann.

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Viele der hier gezeigten Werke findet man auch in den beiden Bildbänden Autistic Disco und O Mensch, erschienen im Hatje Cantz Verlag.

Lars Eidinger wird verteten durch die Galerie Ruttkowski;68, Düsseldorf.
ruttkowski68.com