Massimo Vitali: Viel hilft viel

Die Fotos des Italieners Massimo Vitali sind so etwas wie die moderne Form der Wimmelbilder. Sein umfangreiches Werk ist einzigartig. Aber es war alles andere als ein Selbstgänger, bis er dahin gekommen ist.

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Das Portfolio

» Eine perfekte Komposition für ein Foto gibt es nicht. Das Leben ist keine perfekte Komposition.«

Das Interview

Massimo Vitali, 82, ist nicht so leicht zu erwischen. Aber nach der dritten Terminverschiebung scheint die Verabredung zu klappen. Minuten vergehen nach dem geplanten Zeitpunkt für den Videocall, ein vorsichtiger Anruf bei ihm – scusi, da war noch ein anderer prominenter Gast im Studio, hat etwas länger gedauert. Aber jetzt hat Regisseur Volker Schlöndorff das ­ Studio nach einem ausgiebigen Arbeitslunch verlassen. Massimo Vitali lehnt sich entspannt im Bürosessel sehr weit zurück und ist bereit für die Fragen.

Alberto Zanetti 2
Massimo Vital

Signore Vitali, wie sind Sie darauf gekommen, Menschen am Strand zu fotografieren? Oder fangen wir besser ganz vorn an: Wie sind Sie überhaupt zur Fotografie gekommen? 

Ich habe schon mit zwölf fotografiert und wollte das zu meinem Beruf machen. Und alle um mich herum haben mich supported, mich darin bestärkt. So richtig weiß ich auch nicht warum. Es war nicht so, dass ich besonders tolle Fotos gemacht hätte.

Aber Sie haben den Plan durchgezogen.

Ja, es erschien so vorgezeichnet. Ich habe viel kommerzielle Arbeiten gemacht, Werbung, auch Reportagen für Magazine.

 Klingt doch gut…

Na ja, die Qualität war nicht so berauschend. Um ehrlich zu sein: Es gab keine wirkliche Idee bei dem, was ich tat. Ich wurde schon langsam alt. Dann, mit 55 …

 …kam die Erleuchtung?

Es kam der Punkt, an dem ich mir klarmachte: Entweder ich finde einen Weg, bessere Arbeit zu machen, oder ich höre auf damit.

Und dann? Klingt ganz schön radikal.

Ich musste was ändern. Ich betrachtete voller Neid diese »Düsseldorf Guys« ….

Sie meinen die Becher-Schüler: Candida Höfer, Andreas Gursky, THomas Ruff, Thomas Struth.

Ja, die hatten alle einen Plan. Sie haben Fotos gemacht, die niemand vorher gemacht hat. Immer im großen Format. Ich dachte: Genau so sollten Bilder gezeigt und gesehen werden.

Das klingt ja schon mal nach einem Plan…

Zu der Zeit arbeitete ich in Mailand für ein Werbe-Shooting. Meine Kamera wurde gestohlen. Ich hatte nur noch eine Großformatkamera. Das war irgendwie mein Glück. So eine Kamera musst du auf ein Stativ stellen. Das gibt dir Zeit zu denken. Du wirst ruhig. Du hast plötzlich die Muße, darüber nachzudenken, was du wirklich tun willst. Das ist eine ganz andere Qualität.

Fehlte dann nur noch die Idee für das Motiv, oder? Fehlte dann nur noch die Idee für das Motiv, oder?

Erst mal wusste ich nur eines: Es muss mit Men­schen zu tun haben. Eines Tages im Sommer ging ich zum Strand nach Marina de Pietre­sante. Das ist einer der nächstgelegenen von Lucca aus, wo ich lebe. Und ich stellte mein Stativ ins Meer.

Wie bitte?

Auf Bildern vom Strand sieht man die Menschen fast immer von hinten. Foto­grafiert wird eigentlich immer Richtung Meer. Aber ich wollte den Menschen ins Gesicht schauen. Ich wollte sehen, was sie machen, was sie denken und fühlen.

Das muss ein gewisses Aufsehen erregt haben-mit Stativ und Großformatkamera im Wasser.

Es war der 15. August …

…Ferragostos! DER italienische Feiertag!

Ja, es war natürlich richtig voll am Strand. Aber eigentlich haben die Badegäste sich gar nicht um mich gekümmert. Die waren  beschäftigt. Und manche haben wohl ­ gedacht: Lass ihn mal machen. Oder: komischer Kauz.

Und dort ist das erste Bild einer langen, langen Serie entstanden?

Ja! Das Foto mit der Nummer 0000. Alle Bilder sind durchnummeriert in meinem Archiv und auf meiner Website zu sehen. Über 6000. Auch solche mit Fehlern. Alle!

Welche Reaktionen gab es, als Sie Ihr Werk präsentierten?

Die Leute dachten, ich sei ein Idiot! Aber nach einiger Zeit und einigen weiteren Motiven gewöhnten sie sich an mein Projekt. Allerdings zugegebener­ maßen sehr langsam.

Und es hat zu einer Einzelausstellung in Paris geführt. In welchem Format haben Sie die Motive gedruckt und präsentiert? 

150 mal 180 Zentimeter. Das habe ich so beibehalten. Zuerst fand ich im näheren Umkreis ein paar Liebhaber, in der Toskana. Dann Freunde mit einer Galerie in Mailand. Meine Freunde dort vermittelten mich zu einer Galerie in New York: Marianne Boesky Gallery. Ich flog nach New York, in einer Papprolle ein paar Prints, und wollte die Galeristin treffen. Aber sie war nicht da. Ich ließ die Abzüge dort. Als ich zurückkam, kaufte sie zwar zwei, sagte aber, so seien es keine Bilder, sondern nur ein Blatt Papier. Wenn ich damit Geld machen wolle, müsse ich mir überlegen, wie ich sie angemessen präsentieren wolle.

Und?

Ich war sauer! Aber sie hatte recht. Du musst aus dem Foto ein Objekt machen, das die Leute kaufen wollen. Also begann ich mehr und mehr solcher Motive zu schießen. Das Konzept einer Serie macht das einzelne Motiv begehrlicher.

Also auch erfolgreicher?

Es war nicht leicht am Anfang. Du musst erst deine Fangemeinde finden. In Italien ist es bis heute schwer, die Bilder zu verkaufen.

Wo ist es denn besser?

USA, Frankreich, Belgien, England – das sind ganz gute Märkte . Die Motive werden in einer Edition von sechs für 40 000 Euro gehandelt.

Zurück zum Inhalt: Es gibt auch andere Locations, aber gefühlt sind 90 Prozent Ihrer Motive am Strand aufgenommen worden. Warum gerade dort?

Ich habe das Gefühl, dort den Wandel der Gesellschaft hautnah (lacht!) dokumentiern zu können.

Eine soziologische Langzeitstudie?

Im gewissen Sinne.

Inwiefern?

Mich interessiert, wie sich die Gesellschaft im Laufe der Zeit verändert

Das sieht man in den Bilder?

Aber ja! Die Farben ändern sich. Die Farben der Bademode, die Farben der Sonnenschirme und -liegen. Vor allem aber die Menschen selbst und ihr Verhalten. Vor 15 Jahren gab es noch kaum Tattoos, heute überall. Früher haben die Leute in kleinen Gruppen gestanden und miteinander geredet, heute kommunizieren sie mit ihrem Mobiltelefon. Sie reden nicht mehr miteinander. Sie kümmern sich nicht mehr.

Nicht mal in Italien? Die Menschen gelten doch im internationalen Vergleich als Kommunikationswunder.

Möglich. Aber es ist deutlich weniger geworden. Und jeder macht mit seinem Smartphone Bilder. Überall. Von allem.

Deutlich anders als Sie!

Das stimmt! Aber auch bei meinen gibt es durchaus einen voyeuristischen Aspekt. Nach einer Session, wenn ich die Aufnahmen am Rechner betrachte, entdecke ich ständig neue Dinge, die mir vorher, als ich das Große und Ganze betrachtet habe, gar nicht bewusst waren. Man kann das kleinste Detail auf den Fotos erkennen.

Sind Sie eigentlich mehr an den Einzelpersonen interessiert oder an der Gruppe an der Gruppe, an dem Miteinander?

An beidem. Dem Betrachter wird es genauso gehen wie mir: Erst sieht man das Ganze, die Menschenmenge, dann das Zusammenspiel, die Interaktion der Menschen, dann, nach und nach, entdeckt man kleine Gruppen. Dann einzelne Typen, die etwas Besonderes machen oder darstellen. Man entdeckt immer mehr Details.

In meiner Kindheit gab es Bücher mit sogenannten Wimmelbildern. Die konnte man immer wieder anschauen und immer wieder etwas neues finden.

Genau! Das sind meine Bilder auch! Wimmelbilder.

Ihre Motive scheinen immer aus einer sehr hohen Position geschossen zu werden. Höher, als es ein Stativ möglich machen kann.

Es ist die Höhe des Stativs, manchmal bis ins Extrem ausgereizt. Manchmal stehe ich auch auf einer höheren Position.

 Warum?

In erster Linie aus technischen Gründen. Auf diese Weise bekomme ich die nötige Tiefenschärfe.

Wie das denn?

Ich will jetzt nicht zu tief in die Geheimnisse der Physik einsteigen. Aber es ist nicht so einfach, mit einer Großformatkamera vom Vordergrund bis zum Hintergrund gleichzeitig alles scharf zu stellen. Normalerweise beträgt der Bereich der Schärfe in der Linse vielleicht gerade mal einen Meter.

Und von einer höheren Position nicht?

Dann ziele ich nicht auf eine vertikale Fläche, sondern auf eine diagonale. Auf diese Weise wird alles scharf. Das bezeichnet man als »Scheimpflug-Effekt«. Scheimpflug war ein deutscher Physiker.

Ok, wir belassen es dabei. Nur noch eine Frage: Wie lange tüfteln Sie an der perfekten Komposition für das Bild?

Gar nicht. Ich stelle das Stativ auf und mache das Bild. Eine perfekte Komposition gibt es nicht. Das Leben ist keine perfekte Komposition.