Olaf Heine: Der Mensch als Motiv

Seine Fotos zieren weit über 100 Plattencover. Die Ärzte, Bon Jovi, Rammstein und Iggy Pop sind seine Kunden. Aber das Herz von Olaf Heine hängt nicht an Stars und Promis. Er will mit seinen Bildern Geschichten erzählen. Sie sollen die Fantasie anregen. 

Olaf Heine Girl Descending A Ramp, Brasilia, 2012

Das Portfolio

» Die Fotografie hilft mir, zu einem Verstehen zu gelangen. Sie ist das Medium, durch das ich mich mitteile.«

Das Interview

Olaf Heine, 54, geboren in Hannover und aufgewachsen in einer benachbarten Kleinstadt, betreibt Studios in Berlin und Los Angeles. Seine Arbeit erzählt ebenso von der Glitzerwelt der Stars wie von den Abgründen des Krieges. Sein Thema: Menschen. Und ihre Geschichten.

OlafHeine by AnniFelmet
Olaf Heine

Olaf Heine, du lichtest die Topstars der internationalen Musikbranche ab. Wie hast du es geschafft, in die Szene vorzudringen? 

Ich fotografiere, seit ich acht bin. Mit der Fotografie hatte ich ein Medium gefunden, mit dem ich mich ausdrücken konnte. Musik ist meine andere große Leidenschaft. Ich hatte das Glück, für die Hannoversche Allgemeine Zeitung, die große Tageszeitung der Stadt, auf Konzerten in den Musikklubs fotografieren zu können. Ich war eigentlich sehr schüchtern. Meine Kamera bot mir ein Alibi, mich nach vorn an die Bühne zu drängeln.

Und durch deine Konzertfotos wurden die Bands auf dich aufmerksam?

Hannover hatte damals, in den späten 80ern und 90ern, eine ziemlich angesagte Musikszene. Bands wie Terry Hoax und Fury in the Slaughterhouse füllten die Hallen. Für Terry Hoax habe ich mein erstes Cover geschossen.

Für einen Jungen aus einer Kleinstadt die große Welt, oder?

Damals war das in der Tat sehr aufregend. Wenig später bin ich nach Berlin gegangen, um Fotografie zu studieren, und bekam bald Kontakt zu den Ärzten. Und kurze Zeit später zu Rammstein.

Die begleitest du seit einer gefühlten Ewigkeiten?

Ich treffe sie gerade wieder in L.A. Sie spielen im ausverkauften Coliseum. Zwei Tage hintereinander.

Eine Freundschaft?

Durchaus. Meine Fotos von ihnen sind eine Art Langzeitstudie. Als ich anfing, Rammstein zu fotografieren, war der Prenzlauer Berg anders als heute. Und die Bandmitglieder auch. Beide sind mit den Jahren gewachsen.

Gibt oder gab es nicht viel Konkurrenz in deinem Metier?

Ich denke nicht in solchen Kategorien. Ich glaube, Kreativität findet überall ihren Platz. Es war auch nie ein wirtschaftliches Interesse, wenn ich mit Musikern zusammengearbeitet habe. Mein Antrieb war immer: Wie mache ich im jeweiligen Moment ein gutes Foto?

Wie macht man ein gutes Foto?

Das ist natürlich absolut individuell und subjektiv. Aber für mich persönlich definiert sich ein gutes Bild dadurch, dass der Betrachter emotional berührt wird. Wenn bei ihm das Bedürfnis entsteht, vielleicht etwas mehr über die Zusammenhänge, über Grundlagen und Bedingungen der abgebildeten Person erfahren zu wollen.

Selbst bei einer Auftragsarbeit?

Man muss solche Aufgaben zu seiner eigenen Sache machen. Ich möchte mich mit meinen Fotos ausdrücken. Ich bin kein Maler und auch kein Schriftsteller. Die Fotografie ist das Medium, durch das ich die Welt sehe. Ich fotografiere vor allem um herauszufinden, was ich selbst denke, was ich sehe, fühle und was es mir bedeutet. Das ist meine Hauptintention.

Ist Fotografie für dich auch eine Art Erkenntnisgewinn?

Für mich bedeutet Fotografie, zu einem Verstehen zu gelangen, das ich auf andere Weise nicht erreichen kann. Es zwingt mich, über die Dinge nachzudenken und der Sache auf den Grund zu gehen. Insofern ist es auf jeden Fall eine Art Erforschung dessen, was sich vor meiner Kamera abspielt, oder der Person, die sich davor befindet. Was macht ihr menschliches Sein aus? Was bestimmt ihr kreatives Sein? Wenn ich die Menschen treffe, die ich porträtiere, höre ich mir ihre Geschichten an, erfahre, was sie inspiriert, was sie für ihre Kunst brauchen. Der Maler Julian Schnabel zum Beispiel ist passionierter Surfer und sagt selbst, dass jedes seiner Werke mit Wasser zu tun hat. Ich habe ihn folgerichtig am Ozean fotografiert.

Also sind deine Bilder Erzählungen von Menschen?

Oft ist das so. Aber es gibt auch Motive, bei denen mich die Einfachheit eines Lichtspiels fasziniert. Immer geht es da­ rum, die Fantasie anzuregen. Meine und die des Betrachters. Man soll beim Anschauen seinen Gedanken freien Lauf lassen können.

Die Entstehungsgeschichte ist für den Betrachter irrelevant?

Man muss nicht wissen, wie das Bild entstanden ist. Ich will auch keine Gebrauchsanweisung für meine Bilder geben. Ich habe beispielsweise in meiner Serie Rwandan Daughters Frauen fotografiert, die während des Völkermordes 1994 in Ruanda missbraucht und vergewaltigt wurden. Und zwar mit den Kindern, die aus der Vergewaltigung stammten. Eine jede ist auf ihre Weise damit umgegangen und hat ihr Schicksal mit viel Schmerz und Leid, aber auch mit Stärke und Zuversicht gemeistert. Manche haben Liebe zu ihrem Kind aufbauen können, andere haben ein distanziertes Verhältnis. Ich habe sie als die Frauen fotografiert, die ich im Jahr 2017 oder 2018 kennengelernt habe. Wenn ich direkt erzähle, dass sie 1994 misshandelt wurden, verfälscht das den Eindruck. Man betrachtet das Bild anders. Man sieht die von ihrem Schicksal gebrochene Frau und nicht die Frau, die mit dem, was ihr widerfahren ist, vielleicht unsicher oder kraftstrotzend, trotzig oder liebevoll umgegangen ist. Deshalb habe ich auch keine Frauen porträtiert, die die schon fast obligatorischen Machetennarben trugen. Ich wollte den Betrachter wirklich un­ voreingenommen auf die Bilder blicken lassen. Es war zuerst einmal ein Projekt über Liebe und nicht über Terror.

Eine ganz andere Facette deiner Arbeit.

Es ist tatsächlich in jeder Hinsicht eine andere Welt. Und es ist ein leider sehr zeitgemäßes Thema. Aktuell im Krieg in der Ukraine, in Syrien, im Bosnien-Konflikt und schon im Zweiten Weltkrieg – überall gibt und gab es Gräueltaten, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten und insbesondere gegen Frauen. Das soll die Moral des Gegners brechen.

Welche Reaktionen gab es, als Sie Ihr Werk präsentierten? Ein anderes deiner Themen ist Architektur. Du hast ursprünglich Bauzeichner gelernt.

Das stimmt. Ursprünglich wollte ich Architektur studieren. Vor einer Weile, nach 15 Jahren in der Entertainmentbranche, brauchte ich eine Auszeit und es zog mich nach Brasilia und Rio de Janeiro. Ich liebe die brasilianische Architektur – Oscar Niemeyers Bauten sind fantastisch. Ich bekam Kontakt zu seinem Büro und machte Porträts von ihm. Seine damalige Frau gab mir einen Brief mit. So bekam ich Einlass in alle seine Bauten. Daraus entstand mein Buch Brazil.

Du zeigst Architektur auch gern in Verbindung mit Menschen.

Bei Niemeyers Werk ist das fast naheliegend. Seine Formensprache ist angeregt von den Linien der brasilianischen Natur, den Bergen, von Wellen, aber vor allem vom weiblichen Körper. Es ist gleichzeitig eine atemberaubende, manchmal eine einschüchternde, aber auch sehr human geprägte Architektur. Menschen bringen Energie und Bewegung ins Bild. Grundsätzlich inspirieren mich die Ikonen der Moderne. Von Le Corbusier zum Beispiel. Von Mies van der Rohe.

Gab es beim Fotografieren eigentlich auch mal Situationen, die schwierig waren, weil dein Gegenüber nicht so wollte wie du?

Das kann immer vorkommen. Manchmal stimmen die Gefühlslagen der Beteiligten auf beiden Seiten der Kamera nicht überein. Das hat meist mehr mit Empfindungen zu tun als mit unterschiedlichen ästhetischen Vorstellungen.

Weißt du, was und wie du Fotografieren willst, wenn du zum Shooting kommst?

Natürlich bin ich in der Regel vorbereitet. Aber mir geht es ähnlich wie den Schriftstellern oder den Malern. Am Anfang ist Leere. Ein leeres Blatt, eine weiße Leinwand oder, wie in meinem Fall, ein leeres Filmmagazin oder eine leere Speicherkarte. Der schöpferische Prozess braucht einen an­fäng­lichen Impuls. Und bei jedem Mensch kommt die Inspiration aus anderen Quellen. Mitunter kommt es auch vor, dass man nach Hause geht und kein Bild mitnimmt. Ist mir auch schon passiert.

Zum Glück nicht so oft, wie dein Werk beweist!