Mit “Schiaparelli: Fashion Becomes Art” eröffnet das Victoria and Albert Museum in London erstmals in seiner Geschichte eine umfassende Ausstellung, die ganz dem visionären Universum der italienischen Designerin Elsa Schiaparelli gewidmet ist. Bis 8. November entfaltet sich in der Sainsbury Gallery ein Panorama, das Mode nicht nur zeigt, sondern als radikale Kunstform verhandelt.
Mit über 400 Objekten, darunter rund 100 Ensembles und 50 Kunstwerke, zeichnet die Ausstellung den Weg einer italienischen Designerin nach, die die Grenzen zwischen Couture, Surrealismus und Performance auflöste.

Surrealismus zum Anziehen
Im Zentrum steht Schiaparellis enge Verbindung zur Kunst der Zwischenkriegszeit. Ihre Kollaborationen mit Größen wie Salvador Dalí, Jean Cocteau oder Man Ray machten Kleidung zu begehbaren Kunstwerken. Ikonen wie das „Skeleton Dress“ oder das „Tears Dress“ – beide aus dem Jahr 1938 – sind mehr als historische Stücke: Sie sind Manifestationen eines neuen Denkens, in dem Mode zur Bühne des Unbewussten wird.

Besonders eindrücklich ist der Dialog zwischen Kunst und Kleid: Dalís berühmtes „Lobster Telephone“ findet sein Gegenstück im legendären Lobster Dress, während Cocteaus zeichnerische Linien in gestickten Illusionen auf Stoff weiterleben. Schiaparelli verstand Mode als Medium mit einem Blick in die Zukunft.

Die Erfindung der modernen Garderobe
Doch die Ausstellung bleibt nicht im Spektakulären stehen. Sie zeigt auch die strategische Klarheit einer Unternehmerin, die früh erkannte, dass Mode den Alltag prägen muss. Bereits in den späten 1920ern entwarf Schiaparelli funktionale, urbane Kleidung für Frauen – darunter Hosenanzüge, die damals als provokant galten. Ihre Linien „Pour la Ville“ und „Pour le Soir“ spiegeln eine neue Weiblichkeit: selbstbewusst, beweglich, modern.

Dabei war ihr Blick stets international. Die wenig bekannte Londoner Dependance der Maison, ein Schwerpunkt der Ausstellung, zeigt, wie früh Schiaparelli globale Netzwerke knüpfte und den britischen Surrealismus mitprägte.
Bühne, Film, Ikonen
Schiaparelli war zudem nicht nur Couturière, sondern auch Kostümbildnerin und Stilarchitektin für eine neue Celebrity-Kultur. Sie entwarf für Film und Theater, kleidete Stars wie Marlene Dietrich und Mae West und verstand es meisterhaft, sich selbst als Marke zu inszenieren. Diese Verbindung von Mode, Medien und Performance wirkt heute erstaunlich zeitgenössisch.
Gegenwart: Daniel Roseberry und die Rückkehr der Couture
Den finalen Akt der Ausstellung bildet die Gegenwart. Seit 2019 führt Daniel Roseberry als Creative Director das Haus in eine neue Ära und knüpft dabei bewusst an Schiaparellis radikale Vision an. Seine Entwürfe sind spektakulär, skulptural und kulturell aufgeladen: getragen von Künstlerinnen wie Ariana Grande oder Dua Lipa, werden sie zu viralen Momenten zwischen Couture und Pop.


Roseberry gelingt das seltene Kunststück, historische Codes nicht zu zitieren, sondern weiterzudenken und immer wieder neu zu entwickeln, ohne dabei Altem nachzuschauen.
Mode wird Kunst
Schiaparelli erscheint hier nicht als exzentrische Randfigur der Modegeschichte, sondern als zentrale Protagonistin eines interdisziplinären Modernismus, der bis heute nachwirkt.