Txema Yeste

Txema Yeste: Sweet Little Mystery

Eigentlich wollte er Reportagefotograf werden. Aber seine Passion wurde die Mode. Der Barceloner Txema Yeste bezaubert mit atemberaubender Fotografie, die Schönheit und Surreales vereint und Geschichten erzählt, die im Kopf des Betrachters entstehen.

Das Portfolio

»Ich hatte nie einen Lehrer, auch nie einen Mentor. Ich habe alles, was ich heute kann, durch meine Fehler gelernt.«

Das Interview

Sein Traum, von der angesehenen Agentur Magnum aufgenommen zu werden, erfüllte sich nicht. Dafür schuf der Barceloner Txema (sprich: Tschema) Yeste, Jahrgang 1972, eigene Träume mit seiner ganz besonderen Art der Modefotografie. Er wird gut gebucht, besonders oft vom französischen Edel­ magazin Numéro, das seinem Werk gerade eine Ausstellung in Paris gewidmet hat. Wir erreichen Txema in Barcelona am Telefon.

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Txema Yeste

Hallo Txema, wie geht es? 

Heute war ein schwerer Tag. Ich bin mit einer Augenentzündung aufgewacht, musste ins Krankenhaus in die Notaufnahme.

Das ist ja der Worst Case für einen Fotografen.

Eigentlich ja, es ist allerdings nicht so schlimm, wie es gerade aussieht. Aber deshalb lieber keinen Videocall.

Verstehe ich. Erzähl bitte etwas über deinen Werdegang. War Modefotograf schon immer dein Traumberuf?

Ich habe mit 16 Jahren die Schule beendet. Sie war nicht so mein Ding. Ich bin nicht der akademische Typ. Allerdings hatte ich auch keine Ahnung, was ich mal machen sollte. Ich jobbte als Praktikant beim TV. Ich habe eher eine visuelle Ader, also besorgte ich mir eine Kamera, zog durch die Straßen und fotografierte. Ich hatte wohl ein recht gutes Auge. Mit meinem Freund ging ich am Wochenende in die Berge, um Fotos zu machen. Aber wir hatten kein bestimmtes Thema. Mit Mode oder so hatte ich damals gar nichts am Hut.

 Das klingt eher nach Spaß als nach Arbeit.

Die Leute mochten meine Fotos. Und für mich war es keine Mühe. Ich glaube, zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Berufung gefunden.

Und dann?

Ich schrieb mich bei einer Fotoklasse ein. Das sollte eigentlich zwei Jahre dauern, aber ich hab vorher aufgehört. Es war mir zu technisch. Anschließend ging ich nach Birmingham zum Sandwell College, es bot eine sehr professionelle Ausbildung. In der Zeit veröffentlichte ich die ersten Aufnahmen.

Hattest und hast du Vorbilder in der Fotografie?

Einer meiner Helden war und ist Saul Leiter. Seine Bilder im Regen und Schnee sind wie Schnappschüsse voller Poesie. Das ist ganz große Kunst.

Da stimme ich zu. Wir haben seinem Werk auch schon ein Portfolio gewidmet (siehe IDEAT 23). Ihm wolltest du nacheifern?

Ich wollte schon meine eigene Handschrift zeigen. Mein Ziel war es, bei ­ Magnum, der Agentur für die besten Dokumentarfotografen, angenommen zu werden.

Sehr ambitioniert. Und vor allem: Weit entfernt von Fashion.

Ich hatte damals überhaupt keinen Kontakt zur Modebranche, habe nie bei einer Produktion assistiert. Ich war zu der Zeit so um die dreißig, habe für verschiedene Sonntagsmagazine von Tageszeitungen foto­grafiert: Menschen, Ereignisse, politische Reportagen. Es ging ganz gut los.

Dann gab es einen Break?

Ich dachte, ich sei so weit, und bewarb mich bei Magnum. Aber sie lehnten mich ab. Das hat mich schwer getroffen.

Verständlich. Kam deshalb eine Trotzreaktion? Eine inhaltliche Kehrtwende?

Vielleicht nicht so ganz bewusst. Ich hatte ja auch schon viele Porträts von Musikern gemacht, auch von Sportlern. Auf jeden Fall kamen plötzlich Zeitschriften auf mich zu und fragten, ob ich für sie Modestrecken im Stil meiner Dokumentarfotografie umsetzen könne. Konnte ich. Und wollte ich.

War dieses neue Themengebiet auch ein neuer Reiz, ein neuer Ansporn?

Es gab viele sehr positive Aspekte. Du kannst in relativ kurzen Abständen verschiedene Styles verwirklichen. Du kannst unterschiedliche Arten von Fotografie einsetzen. Das kommt meinem Naturell sehr entgegen. Ich probiere gern immer wieder neue Dinge aus, andere Techniken, ganz frische Ideen. Wenn ich ständig das Gleiche machen muss, langweile ich mich schnell.

Einer deiner wichtigsten Kunden wurde bald das französische Kultmagazin NUMÉRO.

So ist es. Ich arbeite zwar auch für Vogue Italia, Harper’s Bazaar und andere Titel, aber mit Numéro ist es eine spezielle Beziehung. Das geht jetzt schon seit etwa zwölf Jahren.

Eine Ewigkeit in der Fashionszene. Wie kam es dazu?

Wir lagen auf einer Wellenlänge. Der Chefredaktion gefiel meine Arbeit und sie pushte mich. Es ist bis heute eine schöne Herausforderung, für sie zu produzieren.

Und es hat zu einer Einzelausstellung in Paris geführt.

Das hat mich sehr gefreut. Es macht mich stolz und glücklich. Und das, obwohl ich nie einen richtigen Lehrer hatte, keinen Mentor. Ich habe alles, was ich kann, nur durch meine Fehler gelernt.

Wie würdest du ein gutes Foto definieren?

Wenn es sich in dein Gedächtnis einprägt. Wenn es eine Bedeutung für dich hat.Wenn es dich berührt und etwas in dir bewegt.

Kann ein Modefoto Kunst sein?

Das würde ich schon sagen. Wenn du es mit dem gleichen Anspruch konzipierst und produzierst.

Wohl wahr. Man muss ja nur zurückblättern. Wie gehst du an eine solche Produktion heran? Hast du im Vorfeld ein Storyboard zurechtgelegt?

Wir haben das Team, die Models, die Mode, die Location. Viel mehr nicht. Vielleicht ein paar Ideen. Ich bin auch nach vielen Jahren jedes Mal ziemlich nervös in den ersten Stunden. Bis ich den richtigen Ansatz finde. Also eins ist sicher: Ich gehe nicht methodisch vor. Was dann passiert, ist so ein kleines Mysterium. Ich versuche immer etwas zu erschaffen, was nie wieder passiert.

Deine Fotos zeigen makellose Schönheit, sie haben aber auch meistens einen surrealen Touch. Was ist die Message? 

Es ist eher die Idee, dass es nicht zu glatt, zu perfekt sein darf. Auch wenn manche behaupten, meine Fotos seien technisch perfekt. Ich sehe mich und meine Arbeit nicht so. Ich will mit meinem Bild einen Traum erschaffen, Poesie und Schönheit. Wenn es zu perfekt ist, hat es keine Poesie. Ich möchte einen Bruch erzeugen. Dass der Betrachter sich wundert, ins Nachdenken kommt. Es soll eine kleine Geschichte im Kopf entstehen. Und ich gebe sozusagen den Startschuss dafür.

Fashionproduktionen sind sehr aufwendig. Du musst auf viele verschiedene Akteuere und die Kunden achten. Was bedeutet das für die Kreativität?

Du hast bei diesen Produktionen ein riesiges Team, das stimmt. Fashionfotografie ist am dichtesten dran an Filmproduktionen fürs Kino. Alles muss möglichst perfekt sein. Und die Branche hat sich in den letzten Jahren auch ziemlich verändert. Die Brands stellen mehr Forderungen, wollen nicht mit anderen Marken gemeinsam auf dem Foto erscheinen, du hast weniger Freiheit. Es gibt Restriktionen, auch politische, gesellschaftliche Beschränkungen. Also kurz gesagt: nicht so förderlich für die Kreativität.

Die Zeiten ändern sich sehr?

Früher gab es mehr Glamour. Auch mehr Spaß an Glamour. Heute geht der Trend zu realen Inszenierungen, es soll ehrlich sein. Oder so wirken …

Nicht deine Welt?

Ich bevorzuge es, zu träumen.

Ist der Wandel ein berufliches oder auch ein gesellschaftliches Phänomen?

Es passierte früher einfach mehr im täglichen Leben, es gab mehr Unterschiede. Als ich das erste Mal nach London kam, sah ich Leute mit total unterschiedlichen Hairstyles, abgefahrene Klamotten. Heute ist das eher uniform. Man kleidet sich ähnlich, man macht das Gleiche, die gleichen Fotos mit dem Smartphone. Man fliegt überallhin. Man erfährt alles im Internet. Das führt zu einer Trägheit im Kopf.

Das klingt fast ein bisschen nostalgisch.

Ich lebe gut im Hier und Jetzt. Aber es ist doch so: Sachen, die du nicht weißt, Orte, die du nicht kennst, regen deine Fantasie an, sie bringen dich zum Träumen. Und Träume, finde ich, bringen dich viel weiter als die Realität.