Was wie Familienfotos aussieht, zeigt in Wahrheit Fremde: Für sein Projekt »Catching Stranges« porträtierte Alexander von Reiswitz auf vier Kontinenten zufällig zusammengewürfelte Menschen in inszenierten Schwarz-Weiß-Porträts. Am 6. Juni präsentiert er das Buch im Roten Salon der Berliner Volksbühne.
Sieben Menschen unterschiedlichen Alters stehen dicht beieinander am Strand von St. Petersburg. Manche haben den Arm umeinander gelegt, andere lehnen sich beiläufig aneinander. Zwischen nackten Oberkörpern, Bikinis und Sommerlicht entsteht die vertraute Atmosphäre eines gemeinsamen Urlaubs – als hätte sich die Gruppe gerade für ein spontanes Erinnerungsfoto zusammengefunden. Doch der Eindruck täuscht: Die Personen auf der Aufnahme kannten sich vor diesem Moment nicht.

Über einen Zeitraum von über 15 Jahren sprach von Reiswitz in 20 Ländern Passanten auf Straßen, Plätzen und an Stränden an, brachte Fremde für wenige Minuten zusammen und arrangierte sie zu Konstellationen, die zugleich zufällig und erstaunlich intim wirken. Seine Fotografien spielen mit unserer Gewohnheit, aus Gesten, Blicken oder Kleidung soziale Beziehungen abzuleiten. Was dokumentarisch erscheint, ist präzise komponiert – und zeigt gerade dadurch, wie schnell wir beginnen, Geschichten in Bilder hineinzulesen.

Die Arbeiten bewegen sich zwischen Straßenfotografie, sozialem Experiment und psychologischem Porträt. Im Mittelpunkt steht weniger die einzelne Person als die fragile Dynamik einer Gruppe, die nur für einen kurzen Augenblick existiert. Dennoch entsteht in den Bildern der Eindruck gemeinsamer Erinnerungen, familiärer Nähe oder langjähriger Bekanntschaften.

Begleitet wird das Buch von literarischen Texten verschiedener Autoren, die die Fotografien um fiktive Erzählungen erweitern. So entwickeln sich imaginierte Familiengeschichten, zufällige Begegnungen und erfundene Biografien zu den dargestellten Gruppen – mal melancholisch, mal humorvoll, mal voller Spannungen und unausgesprochener Geheimnisse. Einige der beteiligten Schriftsteller werden das Buch gemeinsam mit Alexander von Reiswitz am 6. Juni im Roten Salon der Berliner Volksbühne vorstellen.
Buchvorstellung: 6. Juni 2026, 20 Uhr
Roter Salon der Volksbühne Berlin
