Jasper Morrison gilt als Meister unaufdringlicher Entwürfe. Auch seine neue Kollektion für B&B Italia beweist, dass exzellentes Design nicht laut sein muss.
Es ist Messewoche in Mailand und der B&B-Italia-Showroom völlig überfüllt. Doch auf der oberen Etage, etwas abseits des Trubels, sitzt Jasper Morrison wie ein Fels in der Brandung.
Mr. Morrison, beim Anblick Ihres neuen Sessels aus der Outdoorkollektion Super Frame denkt man sofort an lange Sommerabende auf der Terrasse. Wie ist er entstanden?
Tatsächlich hatte ich die Seitenansicht dieses Stuhls schon ewig im Kopf. Vergangenen Sommer habe ich sie dann zu Papier gebracht – ein schneller Sketch, entstanden in einer Urlaubsatmosphäre.
Woher kam die Idee für das markante Profil?
Das habe ich mich auch gefragt. Plötzlich merkte ich, dass ich vor rund zwanzig Jahren Bänke für öffentliche Plätze in Tokio entworfen hatte, die eine ähnliche Seitenansicht haben, allerdings mit Lehnen aus flachen Streben, nicht aus Röhren.
Kommt es häufig vor, dass Sie fertig designte Möbel vor Ihrem inneren Auge haben?
Ja, sehr häufig. Ich bin ein ständiger Beobachter. Ab und zu tauchen Eindrücke aus der Vergangenheit an der Oberfläche auf. Ich erinnere mich dann eher verschwommen als präzise. Doch wenn ich versuche, sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, ergibt sich langsam ein Gesamtbild.
Dabei ist es heutzutage, mit vollem Terminplan und To-do-Listen, gar nicht mal so einfach, bewusst zu beobachten. Nehmen Sie sich dafür extra Zeit?
Es ist ein Automatismus, den ich mir antrainiert habe. Auch wenn ich Filme gucke, schenke ich Ausstattung und Hintergründen mehr Aufmerksamkeit als dem Inhalt. Und jetzt, während wir sprechen, schaue ich schon eine ganze Weile auf diesen kleinen Trolley dort drüben. Ich registriere, wie er gemacht wird, was aber nicht heißt, dass ich die Absicht habe, ihn zu kopieren. Ich speichere ihn nur ab, als mögliche Referenz für ein zukünftiges Projekt. Mich interessieren die Materialien, die Strukturen, wie etwas konstruiert wird, ob es effizient ist und ob es eine angenehme Atmosphäre ausstrahlt.

War Ihnen all das auch bei der Super Frame-Linie wichtig?
Diese Parameter sind essenziell. Die Kollektion umfasst Sessel mit und ohne Polsterung sowie eine Rattanversion. Die geschwungene Armlehne, die zum Bein wird, prägt den Charakter. Sie vermittelt ein Gefühl von Leichtigkeit. Zugleich stützt sie die ganze Konstruktion.
Gab es eine Vorgabe, eine Wunschvorstellung seitens B&B?
Nein. Piero Gandini, den ich seit zwanzig Jahren kenne, hat mich kurz nach seiner Rückkehr zum Unternehmen in meinem Londoner Studio besucht (der frühere Flos-Chef kehrte 2025 überraschend nach sechs Jahren Abwesenheit als Chef der Flos B&B Italia Group in die Designszene zurück, Anm. d. Red.). Ich habe ihm die Skizze und ein paar weitere Entwürfe gezeigt. Er hat sich für dieses Modell begeistert. B&B hat den Entwurf dann recht schnell in nur neun Monaten umgesetzt.
Ihre reduzierten Produkte haben einen hohen Wiedererkennungswert. Wie schaffen Sie es, in dieser reizüberfluteten Welt dem Jasper-Morrison-Style treu zu bleiben?
Mein Gehirn kann kein extravagantes Konzept denken, das würde im Chaos enden. Ich habe eine Art Kontrollfunktion in meinem Kopf, die es mir erlaubt, nur so und nicht anders zu denken.
Dennoch haben Sie ein vielfältiges Produktportfolio erschaffen. Zu den jüngsten Entwürfen zählen Brillen, Möbel für Kettal, eine Campinglinie für Hay und Shop-Interieurs, zu Ihren Ikonen der berühmte Thinking Man’s Chair für Cappellini – in Farbe.
Oh ja, ich liebe Farbe! Auch die Super Frame-Serie wird es wohl in verschiedenen Tönen geben. Wir waren für den Launch in Mailand nur etwas spät dran mit der Auswahl der Details. Und das kleinste Risiko geht man eben mit hellen Aluminiumrahmen und Polstern ein.

Apropos Mailand: Hat die Messe die Entwicklung Ihres Stils über die Jahrzehnte hinweg geprägt?
Sehr sogar. Ich war noch ein junger Student, als ich zum ersten Mal den Salone besuchte, das war 1979. In unserer Hochschulbibliothek der Kingston School of Art hatte ich in Domus-Magazinen spannende Designs von italienischen Gestaltern mit exotischen Namen gesehen: Achille Castiglioni, Vico Magistretti, Enzo Mari, George Sowden und Ettore Sottsass. Oh, dachte ich mir, die Typen arbeiten alle in Mailand, da sollte man also hin!
Damals ahnte ich noch nicht, dass ich über vierzig Jahre lang immer wieder zum Salone reisen würde. Im Jahr 1981, als Memphis lanciert wurde, habe ich sogar ein buntes Bücherregal mit schrägen Ablagen entworfen. Im Nachhinein war das hilfreich, um gewissermaßen mit der Sache abzuschließen. Eine meiner ersten Ausstellungen war übrigens 1982 im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg: Möbel Perdu – junge Designer, die verrückte Dinge machten.

Das ist eine halbe Ewigkeit her … Wie sehen Sie heute die Zukunft des Designs, wird KI die Arbeit von Gestaltern übernehmen?
Ich glaube, dass das, was Designer machen und was KI machen wird, sehr ähnlich ist. Man hat eine Anhäufung von Dingen im Kopf, aus denen man durch verrückte Gehirnvernetzungen Neues entwickelt. KI ist schnell und sieht alles in extrem kurzer Zeit. Das heißt aber noch lange nicht, dass es kreativ ist. Was passiert zum Beispiel, wenn KI anfängt, sich selbst zu füttern? Wenn es auf Anfrage Bilder generiert, indem es sich an vorhandenen KI-Bildern bedient. Es wird absolut messy.