Der Gestalter Patrick Jouin verrät, wie aus seiner flüchtigen Begegnung mit Longchamp-CEO Jean Cassegrain eine neue Designkollektion für die Luxusmarke wurde.
Ein 3D-Pionier, der Tramlinien und Hightech-Busstationen plant, und eine Traditionsfirma für Lederwaren – wie passt das zusammen?
Alles begann auf der Messe Art Paris, wo wir unsere Drop-Tische aus farbig emailliertem Stahl vorstellten. Jean Cassegrain sah die Entwürfe und es entstand die Idee, sie farblich an die markenprägende Farbe von Longchamp anzupassen: frisches Grün! Schließlich rückte Leder in den Fokus, das Herzstück des Savoir-faire der Marke, und zugleich der Wunsch, ein neues, exklusives Objekt zu erschaffen – die Leuchte Ostara.

Was hat es mit dem Longchamp-Grün auf sich?
Das Label ist für mich untrennbar mit den besonderen Grüntönen Vert Lumière und Vert Héritage verbunden, einem Wiedererkennungselement auf den Taschen und im Logo. Das Design der Drop-Tische wiederum basiert auf meiner eigenen Malerei mit Aquarell und reinen Pigmenten. Ich wollte In- und Outdoortische entwickeln, die ebendiese Farbintensität haben. Die Lösung war die Verwendung von Emaille. Allerdings brauchte es unzählige Tests, um die Longchamp-Grüntöne zu treffen und die exakte Rezeptur zu finden, bis sich die Farbe absolut stimmig anfühlte.

Emaille? Das klingt erst mal ungewöhnlich …
Genau. Emaille wird heute meist nur noch für extrem robuste Dinge wie Straßenschilder und Hausnummern genutzt. Es gibt kaum Handwerker, die diese Technik beherrschen – geschweige denn bereit waren, sich auf das Experiment mit uns einzulassen. Die Emaille wird direkt auf die Tischoberfläche gegossen – fast wie bei einem Gemälde. Das Ergebnis ist unvorhersehbar. Auch das Brennen ist ein zutiefst handwerklicher Prozess. Die Kunst liegt in der Balance zwischen absoluter Kontrolle und dem Moment, in dem man zulässt, dass sich das Material selbst ausdrückt. Genau das ist es, was mich im Designprozess fasziniert: wenn die Geste, die Präsenz der Hand sichtbar bleibt. So ist auch jedes Exemplar der Drop-Tische ein Unikat.
Auch bei der Entwicklung der auf nur zehn Stück limitierten Lederleuchte Ostara haben Sie sich an ein Experiment gewagt.
Bei Ostara war es ein faszinierendes Pingpongspiel: Es war spannend zu sehen, mit welcher Expertise in den Longchamp-Werkstätten in Segré im Westen Frankreichs gearbeitet wird, wie die Lederspezialisten plötzlich ihren Maßstab verändert haben, um eine Leuchte zu bauen. In unserem Studio haben wir den passenden Fuß aus französischer Eiche kreiert, an dem der perforierte Lederschirm befestigt wird.

Und was machte für Sie die Kollaboration mit einem so etablierten Unternehmen besonders?
Die menschliche Dimension! Auch wenn Longchamp als Marke fest etabliert ist, spürt man nach wie vor einen starken Familiensinn – in der Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden, und in der Liebe zum Detail. Ihre Entwürfe, allen voran die Le-Pliage-Taschen, haben etwas Ikonisches, machen Lust aufs Verreisen, sind aber zugleich hoch funktional – auf eine sehr französische Art. Mir war es wichtig, diese Codes zu verstehen und respektvoll mit ihnen zu spielen.
Sind Sie dieses »Spiel« bei den Longchamp-Projekten eher als freigeistiger Künstler oder rationaler Industriedesigner angegangen?
Ich trenne diese beiden Dimensionen nicht. Für mich entspringen sie derselben Bewegung. Ein Projekt beginnt in unserem Studio oft hochgradig intuitiv, fast instinktiv – durch eine Skizze, ein Material oder eine simple Idee. Das ist mein künstlerischer Ansatz.
Generell ist es dabei ja so, dass wir immer für andere kreieren. Wenn ich male, teile ich etwas mit meinem Gegenüber; wenn ich ein Möbelstück, eine Bushaltestelle oder sogar eine Tramlinie entwerfe, tue ich das für die Öffentlichkeit. Sehr schnell wird das Projekt also konkret: Es muss funktionieren, dem Nutzen gerecht werden. Da kommt dann die rationale Dimension ins Spiel.
Bei Longchamp war es so: Die Herangehensweise an die Farbe der Tische war völlig frei und künstlerisch. Im Gegensatz dazu erforderte die Entwicklung der Ostara-Leuchte höchste technische Präzision. Schließlich wollten wir, dass sie sich – wie die Taschen – zusammenknöpfen, herumtragen, aber auch praktisch falten lässt. Es ist die Kombination aus diesen vielen Faktoren, die Projekte einzigartig macht.